Hearts in Chains

 

- Du legst mein Herz in Ketten


 

 

Inhalt

 

 

 

Er ist heiß, er ist mächtig, er ist böse – und Frauen sind für ihn nur Lustobjekte, die er benutzt. Bis er ihr begegnet ...

 

Eigentlich ist Amanda eine selbstbewusste junge Frau. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und weiß genau, was sie will – auch wenn sie das manchmal lieber für sich behält.

 

Doch eine einzige verhängnisvolle Begegnung stellt ihr ganzes Leben auf den Kopf …

 

Eine geheimnisvolle Einladung führt Amanda in einen exklusiven Club, in ein dunkles Paradies, in dem ihre tiefsten Wünsche endlich Wirklichkeit werden. Und dort wird sie bereits von IHM erwartet:

 

Jonathan Hunt ist unwiderstehlich, er ist reich und dominant – und er spielt ein lustvolles Spiel mit Amanda, das nur eine Regel kennt: Er hat die Macht. In den geheimen Treffen erhascht sie aber auch einen Blick hinter die Fassade des einsamen Milliardärs und ihre Neugierde ist geweckt. Ohne es zu merken, bricht sie jede seiner Regeln, mit denen er sie eigentlich auf Distanz halten wollte.

 

Doch Amanda muss bald erkennen: Von Jonathan begehrt zu werden ist gefährlich, denn sein Verlangen nach ihr kennt keine Grenzen. Er will sie besitzen – nicht nur ihren Körper, sondern auch ihr Herz …

 

 

 

 

 

HINWEIS: Diese Geschichte ist ein Produkt meiner Fantasie. Im echten Leben steht die Sicherheit (Safer Sex, gegenseitiges Einverständnis usw.) natürlich an erster Stelle!


 

 

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© by Autor, 2018

 

 

 

Photo © conrado, Stockfoto-ID: 1017240628

 


 

 

Prolog

 

 

 

 

 

IN   DER   UNTERWELT

 

 

 

 

 

Die Eisenkette liegt schwer und rau um meinen Hals, das Metall reibt auf meiner weichen Haut und schmiegt sich um meine Kehle wie eine kalte, harte Hand.

 

Auf allen Vieren knie ich auf dem Steinboden. Ich bin vollkommen nackt, abgesehen von den eisernen Fesseln, die er mir angelegt hat. Meine Arme sind taub vom langen Kauern.

 

Es ist düster in dem Raum, dessen einzige Tür fest verriegelt ist. Es gibt nur eine Lichtquelle: Ein Fenster, das sich irgendwo hinter mir befindet. Kaltblaues Tageslicht fällt herein, aber es reicht nicht aus, um all die finsteren und dunklen Ecken unseres Verstecks zu erhellen.

 

Plötzlich höre ich, wie die Eisenkette klirrt, dann spüre ich ein Rucken an meinem Hals.

 

Ein verlangendes Lächeln schleicht sich auf meine Lippen, meine Wangen prickeln, mein Nacken kribbelt – denn ich weiß, was mich jetzt erwartet … Tief in mir beginnt es zu jucken und meine Körpertemperatur steigt.

 

Hinter mir taucht ein Schatten auf. Wie eine nachtschwarze Welle kommt er über mich. Vollkommene Dunkelheit. Einige Sekunden verharrt er an Ort und Stelle und dann spüre ich, wie er sich über mich beugt. Ein Schauer jagt über meinen Rücken, als ich seine Körperwärme fühle.

 

Sein warmer Atem streicht über meine Wange. Seine sinnlichen Lippen berühren mein Ohrläppchen, als er flüstert: »Du bist so still.« Seine Stimme ist tief und laut wie ein Donnerschlag.

 

Er hebt seine Hand und lässt sie mir über den Kopf streichen. Seine Finger vergraben sich in meinem Haar, üben festen Druck auf meine Kopfhaut aus. Meine Nackenhärchen stellen sich auf.

 

Ich genieße das so sehr: Diese kleinen Zärtlichkeiten, die er mir schenkt, und die den Schmerz nur umso süßer machen.

 

Plötzlich wird sein Griff fester. Er reißt meinen Kopf nach hinten. Ich schnappe nach Luft.

 

»Sag mir, dass du mich liebst«, fordert er.

 

Diese drei Worte kommen mir wie ein lustvolles Seufzen über die Lippen: »Ich liebe dich.«

 

»Gut.« Er ist zufrieden mit mir. »Und jetzt will ich hören, wie schön du schreien kannst.«

 

Meine Lider fallen hinab. Ich werde ganz ruhig und konzentriere mich ganz auf das, was mir bevorsteht, auf dieses intensive Leiden, meine unerträgliche Lust.

 

Ich höre, dass er ausholt – und ich lasse mich fallen …

 

 

 

 

 

Du fragst dich jetzt, wie ich hierhin gekommen bin? Ob ich das freiwillig tue? Ob es mir Freude bereitet, mich zu unterwerfen?

 

Das alles wirst du erfahren und noch viel mehr. Aber bereite dich darauf vor: Diese Geschichte ist nicht immer schön und nichts für zarte Nerven.

 

Du willst wissen, wie das alles begonnen hat?

 

Nun, das war so …

 

 

 

 

 


 

 

7   WOCHEN   ZUVOR


 

 

 

 

 

 

 

 

Erster Abschnitt

 

 

 

DER   GOTT   DER   UNTERWELT


 

 

1

 

 

 

Amanda

 

 

 

 

 

Alles begann an einem nassgrauen Januarmorgen in einem Großraumbüro in Brooklyn Heights, NY.

 

 

 

 

 

Ich kaue auf meinem Stift herum. Das ist eine schreckliche Angewohnheit, aber so entspannend … Und Entspannung ist etwas, das man ganz dringend braucht, wenn man mit 22 Leuten in einem viel zu kalten Büro eingesperrt ist, das eher an eine Lagerhalle erinnert. Grau in Grau. Es gibt nicht mal Topfpflanzen, weil die wahrscheinlich sowieso längst erfroren wären.

 

Diese 22 Leute und ich arbeiten für die NYLN, die New York Latest News. Eine Internetzeitung, die sich gegen die großen Konkurrenten durchsetzen will, indem zu jedem noch so unspektakulären Ereignis ein Videobericht erstellt wird. Unsere Arbeit besteht also eigentlich hauptsächlich darin, quer durch die Stadt zu hetzen und dann für zwei bis drei Minuten nett in eine Kamera zu lächeln. Deswegen sind gut 80 % aller Angestellten Frauen zwischen 20 und 40. Das bringt einfach mehr Zuschauer.

 

Wir hier im Großraumbüro sind das Fußvolk, das von einem kleinen, fetten Mittvierziger namens Norman Doyle angeführt wird. Ihm gehört der Laden. Jeden Montagmorgen hält er eine Motivationsrede und erzählt uns, wie fantastisch wir unsere Arbeit machen und wie superwichtig unsere Jobs sind. Da fragt man sich, warum er uns nicht besser bezahlt. Er fährt einen neuen Chrysler 300, das Fußvolk fährt U-Bahn.

 

Auf meiner Visitenkarte steht:

 

 

 

Amanda Lockridge

 

Senior Culture Journalist

 

NYLN

 

 

 

Das klingt großartiger als es ist. Senior Journalist wird bei NYLN nämlich jeder, der es länger als drei Monate mit Mr. Doyle aushält. Das ist so eine Art Belohnung – statt einer Gehaltserhöhung. Aber Mr. Doyle sagt immer, die persönliche Wertschätzung wäre ja unbezahlbar und viel wertvoller als alles Geld der Welt. Leider haben die Leute bei der Bank das aber noch nicht erkannt – die wollen nämlich doch lieber echtes Geld von mir haben.

 

Jedenfalls bin ich jetzt schon vier Monate, sieben Tage und 8 Minuten dabei. Aber eigentlich will ich nur noch in mein Bett.

 

»Übernimmst du die Kindergarten-Story in Sunnyside, Mandy?«, fragt Dani, die am Tisch neben mir sitzt.

 

Dani Jenkins, 21 Jahre – zumindest steht es so im Ausweis. Ihr inneres Kind hat sie sich zum Glück bewahrt. Dass sie den Tisch neben meinem hat, ist kein Zufall. Wir kennen uns schon seit der High School, wohnen beide in Lindenwood und wir jobben nur hier, um für unser Studium zu sparen.

 

»Klar, kann ich machen«, antworte ich und freue mich schon darauf, ein bisschen rauszukommen. Außerdem ist Dani erkältet und draußen ist echtes Mistwetter.

 

»Du bist ein Schatz.« Mit den Lippen formt sie einen Kussmund.

 

»Mach ich doch gerne.«

 

»Am besten du nimmst Carl mit. Er hat nichts zu tun.« Plötzlich lehnt sie sich zu mir. Sie dreht eine Strähne ihres kinnlangen, blonden Haars um den Finger. Es ist komisch, aber ich finde, Dani hat sich seit sie 15 war, kaum verändert. Sie sieht noch genauso niedlich aus wie an dem Tag, als ich ihr das erste Mal im Mathekurs begegnet bin – mit ihrer Stupsnase und ihren Hasenzähnen. Aber wahrscheinlich merke ich nur nicht, dass sie älter geworden ist, weil ich sie so gut wie jeden Tag sehe. »Ist dir eigentlich was an Carl aufgefallen?«, fragt sie und grinst so breit, dass ihre blauen Augen zu schmalen Schlitzen werden.

 

»Nein«, antworte ich gespannt und so leise, dass die anderen Kollegen uns nicht hören können. »Was denn?«

 

Dani gluckst amüsiert. Sie beugt sich noch weiter zu mir und flüstert: »Wir reden später.«

 

Ich schenke ihr ein launisches Lächeln. Erst neugierig machen – und dann schweigen? Soso.

 

Gerade als ich mich wieder dem Bildschirm vor mir zugewandt habe, geht die Tür des Fahrstuhls auf. Und heraustritt – mit neunminütiger Verspätung – Trisha Baker.

 

Aus allen Richtungen drehen sich die Leute nach ihr um, mich und Dani eingeschlossen. Es wird ruhiger, die Gespräche werden leiser, das Klappern der Tastaturen verstummt.

 

So geht das nun schon seit Wochen. Nämlich genau seit dem Tag, an dem Trisha hier das erste Mal aufgetaucht ist.

 

Trisha Baker ist eine sehr interessante Person und absolut unübersehbar. Sie ist weder besonders groß oder besonders breit. Nein, Trisha Baker fällt aus einem ganz anderen Grund auf: Sie ist die pure Versuchung. Eine Erscheinung, wie man sie sonst nur von den Covern irgendwelcher Hochglanzmagazine kennt. Sie ist umwerfend schön, elegant, grazil, verrucht.

 

Aber was wohl hinter ihren himmelblauen Augen vor sich geht? Ich schätze, das weiß niemand. Denn obwohl Trisha sehr, wirklich sehr gerne redet, und ihr Lieblingsthema eindeutig sie selbst ist, bleibt sie doch ein großes Geheimnis. Ich habe den Eindruck, ich weiß nicht einmal die Hälfte über sie und kenne kein einziges der spannenden Details.

 

Natürlich bemerkt Trisha, dass sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Auf ihren kirschroten Lippen taucht ein anzügliches Lächeln auf. Sie schreitet über den grauen Teppichboden zwischen den eng aufgereihten Schreibtischen, als befände sie sich auf einem Catwalk. Ihre blonden Locken wippen, ihr Goldschmuck glitzert, ihr Pelzmantel wogt.

 

Ich kenne mich mit Pelzmänteln nicht so gut aus, aber ich bin mir sicher: Ihrer ist sündhaft teuer und ich werde mir so einen nie leisten können. Und hätte ich doch so einen gehabt, hätte ich ihn sofort verkauft und hätte das Geld in meinen Studienfonds investiert. Aber, tja, sie hat anscheinend andere Prioritäten.

 

Weil sie ja so unglaublich gerne über sich spricht, kenne ich zumindest einige Eckdaten über sie. Sie ist 22, ein Jahr älter als ich. Sie arbeitet seit knapp zwei Monaten hier und während wir anderen nur in der Kaffeeküche darüber reden, wie gerne wir hier weg wollen, tut Trisha das in aller Öffentlichkeit. Wahrscheinlich hätte Mr. Doyle sie längst gefeuert, wenn ihre Videos nicht so viele Zuschauer (ja, fast ausschließlich Zuschauer, schätze ich) hätten.

 

Ihr Privatleben ist ein großes Geheimnis, aber offenbar hat sie viel zu tun – so viel, dass sie in der Mittagspause stets wie ein Gespenst verschwindet und nie Zeit hat, um nach der Arbeit oder am Wochenende mal noch einen Drink zu nehmen. Außerdem weiß ich, dass sie aus einem kleinen Nest in Maine stammt, zwischen Kühen und rostigen Pick Ups aufgewachsen ist und nach New York gekommen ist, um hier ihr Glück zu machen.

 

Und irgendwie scheint sie das auch geschafft zu haben …

 

Aber wer weiß schon, ob diese ganze Story so stimmt?

 

»Morgen Mädels«, schnurrt Trisha Dani und mir zu und lässt sich dann auf ihren Stuhl eine Reihe weiter sinken.

 

Dani und ich lächeln gezwungen.

 

Keine Ahnung, wie Trisha es schafft, immer auszusehen, als wäre sie einem Filmset der 20er Jahre entstiegen. Ihre Haut ist makellos und porzellanweiß, ihr Haar glänzt wie Gold, ihre Zähne schimmern wie Perlen. Sie duftet nach Magnolien und Milch.

 

Daneben komme ich mir mit meinem Messy Bun, meinem kratzigen Wollpullover mit Norweger-Muster und meinem 11 Dollar-Parfum irgendwie ein bisschen schäbig vor. Meine Haare sind braun wie Erde, ich habe Sommersprossen und beim Zähnebleichen war ich das letzte Mal vor über einem halben Jahr. Ich bin schon froh, wenn ich es morgens schaffe, halbwegs ordentlich Wimperntusche aufzutragen, aber Trisha sieht immer aus, als käme sie direkt aus dem Kosmetiksalon.

 

Aber ihr perfektes Make-Up kann eine Sache doch nicht ganz verbergen: den Bluterguss unter ihrem rechten Auge.

 

Seit sie hier arbeitet, kam sie schon mit einer ganzen Reihe verschiedener kleinerer und größerer Blessuren zur Arbeit: Mal war es nur ein blauer Fleck am Kinn, mal aufgeschürfte Handknöchel, einmal auch etwas, das aussah wie ein Würgemal. Und all diese Verletzungen hat sie mit großem Stolz mit sich herumgetragen. Ja, sie hat nicht mal versucht, ihre Kratzer und Wunden zu verbergen. Sie präsentiert diese Male wie Medaillen und kokettiert damit, so als sollte man sie darum beneiden.

 

Sehr merkwürdig ist das, richtig beunruhigend.

 

Trotzdem ist Trisha immer bester Laune und auf ihre Verletzungen angesprochen, hat sie nie eine gute Erklärung parat. Entweder sagt sie nur, solche kleinen Ausrutscher würden doch jedem ständig passieren (was definitiv nicht stimmt und das weiß sie natürlich). Oder sie schweigt vor sich hin – mit einem genießerischen Lächeln auf den Lippen.

 

Natürlich ist Trisha seit dem ersten Tag ein beliebtes Gesprächsthema. Es gibt so viele Theorien über sie wie Mitarbeiter und Tage. Die meisten sind sich einig, dass sie einen Sugardaddy hat – der es echt heftig mit ihr treibt, natürlich. Andere meinen, sie würde vielleicht nebenher in einem Sadomaso-Studio jobben. Einige behaupten, sie wäre ja vielleicht Schlammcatcherin oder Hobby-Wrestlerin. Carl hat mal halb im Scherz gemutmaßt, sie wäre einfach nur eine Kleptomanin, die wohl häufiger beim Klauen erwischt wird. Andere Theorien reichen von Geheimagentin über verdeckte Ermittlerin bis zu Türsteherin.

 

Tratschen ist ja eigentlich nicht meine Sache, aber man macht sich seine Gedanken … Ich will auch gar nicht bestreiten, dass da Neid im Spiel ist. Nicht unbedingt auf Trisha an sich, sondern darauf, dass ihr Leben so viel spannender zu sein scheint als das jedes anderen, den ich kenne.

 

Und da fragt man sich natürlich: Was treibt sie eigentlich so in ihrer Freizeit?

 

 

 


 

 

2

 

 

 

Amanda

 

 

 

 

 

Der Besuch in Sunnyside war nicht so verlaufen, wie ich mir das erhofft hatte. Die große Story, um die es da ging, ist die Neueröffnung eines Kindergartens. Und da ist jemand, der wie ich Kulturjournalistin ist, natürlich besonders geeignet.

 

Eigentlich bin ich ja nicht mal Journalistin, aber als Mr. Doyle gehört hat, dass ich Literatur studieren will, war für ihn die Sache eindeutig:

 

Sie versteht unsere Sprache? Check! - Journalistin.

 

Sie hat schon mal was von Shakespeare gehört? Check! - Kulturjournalistin.

 

Sie sieht nicht ganz übel aus? Check! - Ihr Gesicht muss vor eine Kamera!

 

Tja, so schnell kann es gehen mit der steilen Karriere …

 

Jedenfalls waren Carl und ich drei Stunden lang unterwegs – im strömenden Regen, in muffigen, überfüllten U-Bahnen, in besagtem Kindergarten – und haben gut 25 Minuten Videomaterial dabei rausgeholt. Eine gute Ausbeute.

 

Eigentlich dachte ich ja: Was soll man denn bloß über die planmäßige, allseits erwartete und absolut reibungslose Eröffnung eines Kindergartens berichten?

 

Aber da wusste ich noch nichts vom Therapiehund des Kindergartens: groß, schwarz, mindestens so schwer wie ich. Und ich hatte auch noch keine Ahnung vom neu gestalteten Spielplatz hinter dem Kindergarten und dem vom Regen völlig aufweichten Rasen, auf dem dieser Hund gerne spielt. Und ich hätte nicht gedacht, dass er gleich danach mit mir spielen will. Und ich hatte keinen Schimmer, dass es freche, kleine Kinder gibt, die denken, man würde Matschflecken am besten behandeln, indem man sie mit Wasserfarben übermalt.

 

Ich lächelte tapfer, während die Kindergartenleiterin mir beim Abschied erklärte, wie toll ihr Job doch wäre und wie viel Abwechslung er böte.

 

So laufe ich nun von der U-Bahn-Station zurück zu dem Backsteinbau, in dem die NYLN ihre Räume hat: mit matschigen Hundetapsen auf meiner Jeans und bunten Punkten auf meiner Jacke und meinem lieben Kollegen Carl neben mir, der noch immer vor sich hin grinst.

 

Und ich denke nur: Bett. Jetzt. Sofort.

 

Die Bilder sind bestimmt toll geworden. Carl ist auch einer der wenigen, der seinen Beruf nicht nur vorspielt wie wir anderen, er ist wirklich Fotograf. Und er ist auch ziemlich nett, aber auch nicht mehr als das. Er ist 26, recht klein, hat wilde, lockige Haare und er löst in mir einen Mutterinstinkt aus.

 

Wir sind gerade um die Ecke gebogen, als ich etwas entdecke, das mich stutzig macht.

 

Weiter vorne in der Straße, genau gegenüber von unserem Büro, hält ein Wagen am Straßenrand. Nicht irgendein Wagen. Es ist eine Limousine, nachtschwarz, mit getönten Scheiben.

 

Solche Autos sieht man in dieser Gegend normalerweise nicht. Hat der Fahrer sich verfahren?

 

Zu meiner Überraschung geht kurz darauf die Hintertür auf und ich staune nicht schlecht, als Trisha aussteigt. Ich verlangsame meinen Gang und beobachte sie.

 

Trisha beugt sich in die offenstehende Tür hinein, lächelt, posiert ein bisschen. Ihr Lächeln ist zuckersüß.

 

Obwohl Carl und ich nur noch im Schleichtempo unterwegs sind, bemerkt sie uns beide. Und dann benimmt sie sich plötzlich sehr, sehr merkwürdig: Sie richtet sich rasch auf, starrt uns an, als sollten wir gar nicht hier sein, murmelt ein paar Worte und dann schließt sie eilig die Wagentür.

 

»Hey Trisha«, spreche ich sie an.

 

»O Hey ...Na?« Trisha lächelt breit und dreht sich in der Hüfte. Ungeduldig schielt sie zu dem Wagen neben uns.

 

Ich werfe einen Blick hinab, dann wieder zu ihr.

 

Schließlich fährt der Wagen los. Ich sehe ihm nach, bis er am Straßenende verschwunden ist.

 

Trisha sieht zwischen Carl und mir hin und her. Dann flötet sie: »Tja, Mittagspause ist vorbei.« Mit schwingendem Po geht sie davon.

 

»Das war ihr Sugardaddy, hm?«, fragt mein Kollege.

 

»Wahrscheinlich«, murmele ich – und jetzt bin ich nur noch neugieriger als zuvor.

 

Warum benimmt sie sich denn so geheimnisvoll?

 

 

 


 

 

3

 

 

 

Jonathan

 

 

 

 

 

»Wer war die Kleine heute?«, will ich wissen.

 

Die Decken rascheln leise, als Trisha sich auf dem Bett räkelt. Sie liegt zwischen meinen Schenkeln, meine Hose ist bis zu den Knien runtergeschoben. Sie hebt den Kopf und lässt ihre Zungenspitze noch etwas zärtlicher um meinen Schwanz gleiten. Es gefällt ihr, mich zu verwöhnen. Aber noch viel besser gefällt es ihr, wenn ich sie im Gegenzug erniedrige, benutze und lustvoll leiden lasse. Tja – wir haben alle unsere Talente.

 

»Mh?«, mache ich ungeduldig, weil Trisha still bleibt.

 

Endlich lässt sie mein bestes Stück aus ihrem Mund hinausgleiten. »Wer?«, fragt sie.

 

»Die, die dich dazu gebracht hat, wie ein aufgescheuchtes Reh wegzulaufen.«

 

Trisha funkelt mich an. »Ich halte mich nur an unseren Vertrag, vergessen?«

 

»Antworte.«

 

»Und was, wenn nicht?«, schnurrt sie. Auf allen Vieren kriecht sie über mich. Gierig betrachtet sie die Umrisse meines Oberkörpers, der sich unter dem Hemd abzeichnet: meinen flachen Bauch, meine muskulöse Brust, meine breiten Schultern, in die sie sich so gerne krallt. »Musst du mich dann foltern, um die Antwort zu bekommen?«

 

Ich warte, bis ihr Gesicht meinem ganz nahe gekommen ist. Dann hebe ich die Hand und lege sie ihr um die Kehle. Trishas Lächeln wird innig und heiß. Aber nur kurz, dann drücke ich zu.

 

»Sag schon«, fordere ich.

 

Trisha versucht zu schlucken. Sie keucht. Ich spüre ihren Herzschlag hämmern. »Amanda«, flüstert sie.

 

»Arbeitet sie mit dir zusammen?«

 

Trisha nickt, weil sie keinen Ton mehr herausbringt.

 

Ich lasse sie los und sehe zu, wie sie sich über den Hals fährt. Sie wiegt den Kopf von einer Seite zur anderen und massiert sich den Nacken.

 

»Warum willst du das wissen?«, fragt sie.

 

»Sie gefällt mir.«

 

Trisha hebt die Brauen. »Sie ist so gewöhnlich«, spöttelt sie.

 

»Hör auf die Eifersüchtige zu spielen. Du weißt, dass ich das nicht mag.«

 

»Auf jeden Fall ist sie ein langweiliges Mauerblümchen. Die wird ganz sicher nicht all die Dinge mit dir machen, die ich mit dir mache«, säuselt sie und schenkt mir ein verführerisches Lächeln.

 

»Du meinst: Die Dinge, die du mit dir machen lässt«, stelle ich klar.

 

Trishas Worte sind mir gleich. Sie wäre überrascht, wie viele Frauen nicht einmal ahnen, wo ihre Grenzen liegen. Und ich bin versucht herauszufinden, wo die Grenze dieser Amanda liegt.

 

Ich kann nicht sagen, was es ist, aber nur ein Blick in ihr Gesicht hatte ausgereicht, um mich gefangen zu nehmen. Ich will wissen, was sich hinter diesem hübschen Gesicht, hinter diesen braunen Mandelaugen verbirgt. Vielleicht nichts. Vielleicht ist sie tatsächlich so gewöhnlich, wie Trisha das behauptet.

 

Aber bisher hat mein Instinkt mich noch nie getrügt.

 

Zurück kann ich jetzt nicht mehr. Auf die eine oder andere Weise werde ich Amanda begegnen. Ich habe ihre Fährte aufgenommen. Wenn der Jäger einmal Blut wittert, dann lässt er sein Opfer nicht mehr entkommen. Und ich bin mir absolut sicher: Amandas Blut ist unbeschreiblich köstlich.

 

 

 


 

 

4

 

 

 

Amanda

 

 

 

 

 

Mein Wecker klingelt pünktlich um 06:45. Wie jeden Morgen. Und wie jeden Morgen ist das Erste, was ich sehe: Hermine Granger. Und ich denke wie jedes Mal: Gott, ich muss endlich dieses Poster abhängen und überhaupt: Ich muss endlich ausziehen!

 

Ich schlüpfe unter der Decke heraus und schiebe mich über die Kante meines Betts – meines 90 cm breiten Betts.

 

Es ist deprimierend mit 21 noch immer in seinem alten Kinderzimmer zu wohnen, und weil ich sparen muss, wurde hier seit Jahren nichts gemacht. Nur drei Dinge sind im letzten Jahr hinzugekommen: Mein neuer Laptop, eine gebrauchte, aber echt gute Westerngitarre und das Strick-Plaid, das auf dem Sofa liegt, damit man die alten Flecken nicht so sieht.

 

Aber tja, mit diesem Schicksal bin ich wirklich nicht allein. Den meisten meiner Freunde geht es genauso. Die Mieten in dieser Stadt sind einfach so verrückt hoch, dass man entweder bis 25 bei seinen Eltern bleibt oder in einem total überteuerten, winzigen Zimmerchen in einer 5er WG wohnt – und da ist mir die erste Alternative lieber.

 

Meine Mom sieht das auch so. Sie sagt, die Stadt ist ja so gefährlich und so weiter. Außerdem ist es auch bei ihr finanziell ziemlich knapp, seit Dad ausgezogen ist. Und sie kann Cleves und meinen Beitrag zur Miete gut gebrauchen. Trotzdem wünsche ich mir schon lange etwas Eigenes und mehr Freiraum, mehr Privatsphäre. Die Wände in unserem schmalen Einfamilienhäuschen sind so dünn, dass ich alles mitbekomme: Zum Beispiel, wann meine Mom sich in ihr knarrendes Bett legt oder dass Cleves angebliches stundenlanges Lernen für die Uni verdächtig nach Computerspielen klingt. Und ich will gar nicht so genau wissen, was die beiden von mir so zu hören bekommen …

 

Aber eines kommt für mich eben nicht in Frage: wegziehen. New York ist mein Zuhause. Es ist die schönste, die schrecklichste, die großartigste, die hässlichste, die wundervollste und gefährlichste Stadt von allen. Hier gibt es alles und von allem zu viel. Wenn man nicht aufpasst, geht man unter und taucht nie wieder auf.

 

Als ich in den Gang schlurfe, sehe ich, dass unter der Badtür Licht durchfällt. »Beeil dich bitte«, brumme ich und gehe wieder zurück.

 

Vor meinem Kleiderschrank bleibe ich stehen und finde, ich brauche ganz dringend mal wieder neue Klamotten. Allerdings ist es im Büro sowieso so kalt, dass man es ohne dicke Winterkleider nicht aushält. Mr. Doyle muss ja sparen …

 

Während ich mir die dicke Strickjacke über das blaue Hemd streife, klopft es an der Tür.

 

»Bin fertig«, sagt Cleve von draußen.

 

»Danke!«, gebe ich zurück.

 

Ich schlüpfe in eine schwarze Stretch Jeans, ziehe dicke Stulpen über die Waden und stecke meine Füße in kuschelige Wollsocken. Als ich mein Zimmer verlasse, steigt mir der Geruch von frischem Kaffee in die Nase.

 

 

 

Meine Mom Jen und Cleve sitzen schon am kleinen Tisch in der Küche. Es gibt Pancakes, aber ich brauche vor allem Koffein.

 

»Morgen«, sage ich verschlafen, was ebenso verschlafen erwidert wird. Mit einer Tasse Kaffee setze ich mich zu den beiden.

 

»Gehst du nachher einkaufen, Cleve?«, fragt meine Mom.

 

»Kann ich machen«, antwortet er, während er auf seinem Smartphone herumtippt.

 

Cleve hat seit Neuestem ein Auto. Es gehört nicht ihm, sondern dem Lieferdienst, für den er fährt. So finanziert er sich sein Jura-Studium an der NYU. 60.000 Dollar Studiengebühren muss man erstmal zusammenbekommen. Um nach dem Studium nicht total überschuldet zu sein, hat er gut 5.000 Dollar zusammengespart und jobbt nun noch nebenher. So habe ich das auch vor – auch wenn das bedeutet, dass ich die nächsten sechs oder sieben Jahre vor solchen Typen wie Mr. Doyle kriechen muss.

 

»Ich geb dir die Liste mit«, sagt Mom, dann schaut sie mich an.

 

Meine Mom und ich sehen aus wie Klone. Das sagt jeder. Wir sind beide exakt 1,67 groß und haben beide ein bisschen zu viel auf den Rippen, aber zum Glück an den richtigen Stellen. Wir beide haben dickes, braunes Haar. Ihres ist kinnlang, meines reicht bis zu den Schultern. Von ihr habe ich auch meine Sommersprossen und die Stupsnase und das spitze Kinn. Von meinem Dad habe ich nur drei Sachen geerbt:

 

Erstens, die dunklen Augen, die von Mom und Cleve sind bernsteinfarben.

 

Zweitens, die Grübchen.

 

Und drittens, meinen Sturkopf. Das behauptet zumindest meine Mom.

 

»Nimmt Cleve dich mit zur U-Bahn?«, will Mom wissen.

 

Mir ist schon klar, warum sie das fragt: Vor zwei Tagen wurde in Ozone Park eine junge Frau überfallen. Aber meiner Mom ist wohl auch klar, dass ich deswegen nicht vorhabe, mich die ganze Zeit von einem starken Beschützer begleiten zu lassen – zumal mein Bruder als solcher auch nicht unbedingt taugt. Cleve ist gerade mal zwei Zentimeter größer als ich und ich schätze, im Zweikampf hätte ich ganz gute Chancen gegen ihn. Er behauptet immer, er würde noch wachsen. Klar, mit 24

 

»Nein. Dani holt mich ab«, antworte ich.

 

»Seid aber vorsichtig. Es ist noch dunkel draußen.«

 

»Sind wir, Mom.« Jen ist immer total besorgt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie in ihrem Job als Buchhalterin eines Speditionsbetriebs einfach zu viel Zeit hat, um sensationsgeile Nachrichten zu schauen. Den ganzen Tag das volle Programm: Mord und Totschlag und Vergewaltigungen und Raubüberfälle. Über neue Kindergärten wird da nicht berichtet. Das ist immerhin ein Vorteil von NYLN: Wir berichten wirklich über alles. Alles. Egal, wie unwichtig. Kein Ereignis ist banal genug, als dass Mr. Doyle nicht irgendjemanden hinschickt.

 

Mal sehen, was mich heute erwartet. Vielleicht eine Tier-Show? Ein verkratztes Auto? Ein verlorener Geldbeutel? Man kann ja nie wissen, was sich zur nächsten großen Story entwickelt …

 

 

 

† ‡ †

 

 

 

Dani wartet pünktlich um 20 nach 7 vor der Tür. Wir laufen zusammen über den brüchigen Bürgersteig, vorbei an hunderten anderen schmalen, kleinen Einfamilienhäusern, in denen Leute der unteren Mittelschicht zur Miete wohnen – solche wie wir. So machen wir das schon seit Jahren. Früher sind wir zum Schulbus gelaufen, heute zur U-Bahn-Station. Dani wohnt mit ihren Eltern nur zwei Straßen weiter.

 

»Carl hat mich gestern übrigens nach einem Date gefragt«, erzählt sie schmunzelnd.

 

»O?«, mache ich interessiert. »Und?«

 

»Ich hab gesagt, ich muss nochmal drüber nachdenken.« Sie hebt die Mundwinkel. »Er ist so klein.«

 

»Er ist auch ein bisschen gruselig. Hat er nicht über seine Ex-Freundin erzählt, sie hätte ihm immer vorgeschrieben, was er anziehen soll?«

 

»Da hätte er besser drauf hören sollen. Gestern hatte er karierte Socken zu einer gestreiften Hose an.«

 

»Ist mir gar nicht aufgefallen«, kichere ich.

 

»Ach«, seufzt sie. »Was ist nur mit den Männern los?«

 

»Männer? Ich sehe nur Jungs, die ihre Haare verlieren.«

 

»Und Bauch ansetzen.«

 

»Absolut.«

 

Wir lachen.

 

»Ach apropos«, erzähle ich, »gestern wurde Trisha nach der Mittagspause mit einer richtig fetten Karre zur Firma gebracht.«

 

»Echt? Hast du den Typen gesehen?«

 

»Leider nein.«

 

»Ist bestimmt ein alter, hässlicher Sack, ihr Sugardaddy. Das würde ich mir nicht antun.«

 

»Ich auch nicht.«

 

»Da bleib ich lieber allein.«

 

Ich stupse sie an. »Wir sind noch ein bisschen zu jung, um so frustriert zu sein.«

 

»Da kannst du dich bei meinen Ex-Freunden bedanken«, lacht Dani.

 

Gott, ja – wenn es um frustrierende Beziehungen geht, konnte ich auch einiges erzählen. Dani kennt die ganzen Geschichten aber natürlich schon.

 

Bisher hatte ich nur drei ernstzunehmende Beziehungen gehabt und keiner von ihnen trauere ich hinterher. Wobei ernst für mich gleichbedeutend ist mit: Öffentlich Händchenhalten, ihn meinen Freunden und meiner Familie zu präsentieren und mindestens zweimal die Woche sehen. Aber, tja, es hat bisher mit keinem länger als ein Jahr gehalten.

 

Gibt es denn keine normalen Männer mehr?

 

Wobei man gerechterweise sagen muss: Objektiv betrachtet waren alle meine Ex-Freunde durchaus normal – sehr normal, sogar – überaus normal – kurzum, langweilig. Einer von ihnen ist sogar Bibliothekar geworden.

 

Aber … vielleicht ist genau das das Problem. Vielleicht passe ich ja einfach nicht zu einem normalen Mann?

 

 

 


 

 

5

 

 

 

Amanda

 

 

 

 

 

An diesem Tag ist Trishas Benehmen noch merkwürdiger als sonst:

 

Ich begegne ihr auf den Toiletten. Als ich zu den Waschbecken komme, lehnt sie an der Wand neben dem Tuchspender. Ich werde das Gefühl nicht los, sie hat dort schon auf mich gewartet.

 

»Euer Bericht aus dem Kindergarten hat mir gut gefallen«, sagt Trisha und grinst mich breit an.

 

Das habe ich heute Morgen schon häufiger gehört. Immer mit dem gleichen ironisch-belustigten Unterton. Nun, ich muss zugeben: Das Video ist echt nicht übel. Ich hätte es auch verdammt witzig gefunden, wenn diese Slapstick-Komikerin darin nicht ich gewesen wäre.

 

»Danke, danke«, murmele ich kichernd.

 

Mir fällt auf, dass Trisha mich durch den Spiegel mustert. Mit schief gelegtem Kopf. »Du bist hübsch«, sagt sie plötzlich.

 

»Ähm … danke?« Verwundert drehe ich mich nach ihr um.

 

»Ich meine, du hast ein schönes Gesicht. Du könntest natürlich noch viel mehr aus deinem Typ machen.«

 

Ich wünschte, sie hätte ihr Kompliment einfach so stehen gelassen. »Kann sein«, erwidere ich achselzuckend.

 

»Ich zum Beispiel«, erklärt Trisha, »war vor einem halben Jahr noch eine total graue Maus. Unvorstellbar, oder?« Sie lacht schallend, als hätte sie einen Witz erzählt. »Ja, wirklich. Ich wäre dir gar nicht aufgefallen. Ich war … na ja, irgendwie so gewöhnlich, langweilig, gestresst, unausgeschlafen. Wenig Schlaf ist Gift für deine Haut, wusstest du das?«

 

Was ist das hier? Will sie mir etwa Schönheitstipps geben? Warum? Um mich runterzumachen? Oder hält sie das für nett?

 

»Du siehst zumindest immer sehr ausgeschlafen aus«, sage ich tonlos – und dass sie Stress im Job hätte, kann man ja nun wirklich nicht behaupten …

 

»O, dabei bin ich das gar nicht. Ich habe heute noch nicht geschlafen.« Ein durchtriebenes Lächeln taucht auf ihrem Gesicht aus. »Hast du einen Freund?«, will sie wissen.

 

Ok. Das wird ja immer kurioser. »Warum fragst du das?«

 

»Ich bin nur neugierig und …« Trisha lehnt sich zu mir und erklärt in verschwörerischem Ton, »seien wir doch ehrlich: Die allermeisten Männer sind totale Verlierer und unsere Zeit nicht wert.«

 

»Hm«, mache ich. Da konnte ich ihr nicht widersprechen – aus Erfahrung.

 

»Die haben unsere Aufmerksamkeit doch gar nicht verdient«, säuselt Trisha mir ins Ohr.

 

Irritiert blinzele ich sie an.

 

»Wir Frauen wollen Abenteuer«, sagte sie leise. »Abwechslung. Wir wollen uns ausleben. Wie soll das funktionieren mit irgendeinem langweiligen, braven, netten Jungen, hm?«

 

Ich öffne den Mund und schließe ihn wieder. Erwartet sie darauf eine Antwort? Wohl kaum.

 

»Du …«, beginnt Trisha und mustert mich nachdenklich, »langweilst dich, oder? Ich sehe sowas.«

 

»Jeder langweilt sich mal.«

 

»So? Ich nicht. Das Problem ist: Der Mensch ist geschaffen, um zu spüren. Und was tun wir den ganzen Tag? Wir planen, wir reden, wir machen uns wichtig, wir machen uns klein. Das ist ätzend. Wo bleiben da unsere Bedürfnisse? Wo bleibt die Leidenschaft? Die Intensität? Wo bleiben wir und unsere Wünsche und unsere … Sehnsüchte

 

Schweigend blicke ich Trisha an. Ich bin irritiert, aber auch ein bisschen neugierig. »Worum geht es hier?«

 

»Um ein Angebot«, erklärt sie.

 

»Du machst mir … ein Angebot

 

»Ich bin nur die Überbringerin der Nachricht. Die Kassandra, wenn du so willst.« Sie gluckst amüsiert.

 

»Kassandra hat die Nachricht überbracht, dass Troja untergehen wird. Keine gute Nachricht, oder?«, erwidere ich mit einem schiefen Grinsen.

 

»Nehmen wir das doch nicht so genau.« Trisha holt einen Zettel hervor und gibt ihn mir in die Hand.

 

Nun, es ist kein Zettel, sondern eine Karte. Schwarz, mit goldenem Aufdruck. Darauf steht lediglich eine Telefonnummer und eine Abkürzung: MHW.

 

»Was ist das?«, wundere ich mich.

 

»Das ist eine Art Eintrittskarte.«

 

»Wofür?«

 

»Sagen wir für … einen Club.«

 

»Was heißt MHW?«

 

»Das wirst du herausfinden, wenn du diese Nummer anrufst und die richtigen Sachen sagst.«

 

»Woher soll ich wissen, was richtig ist?«

 

»Tja.« Trisha zuckt die Achseln.

 

Ich bin versucht, ihr die Karte einfach zurückzugeben. Doch ich zögere. Gott weiß, warum. Vielleicht … langweile ich mich ja wirklich?

 

»Ich, ähm ...«, murmele ich verwirrt, »weiß nicht.«

 

»Denk drüber nach. Niemand zwingt dich zu irgendetwas – noch nicht jedenfalls«, sagt Trisha grinsend. »Nur eine Sache: Behalt das für dich. Denn wenn du das nicht tust, dann machst du ein paar sehr mächtige Leute sehr, sehr wütend.« Dann dreht sie sich um und geht.

 

Irritiert sehe ich ihr nach. Erst als sie verschwunden ist, stoße ich ein fassungsloses »Ha!« aus.

 

Was war das denn? Eine Drohung? Was zur Hölle bedeutet das?

 

Nun, das werde ich wohl nur herausfinden, wenn ich die Nummer auf dieser Karte anrufe. Was ich wirklich nicht vorhabe.

 

Oder …?