Das Herz macht keine Fehler

 

 

 

von Mayla Hart


 

 

 

 

»Wie kann etwas, das sich so absolut richtig anfühlt, denn falsch sein?«

 

 

 

Bis zu ihrem 5. Lebensjahr wächst Dita in einem Waisenhaus auf und alles, was sie sich wünscht, ist eine Familie. Ihr Leben ändert sich schlagartig, als ihr Vater sie endlich findet. Er entführt sie in eine Welt, in der sie wie eine Prinzessin lebt und alle ihre Wünsche erfüllt werden.

 

Thane Harrington ist der begehrteste Junggeselle New Yorks: Er ist arrogant, er ist unermesslich reich und er sieht aus wie ein junger Gott. Und er ist bestimmt nicht das, was man sich unter einem guten Vater vorstellt. Doch als er erfährt, dass er eine Tochter hat, ändert er sein Leben. Aus dem rücksichtslosen Womanizer wird ein alleinerziehender Vater, für den Ditas Glück an erster Stelle steht.

 

15 Jahre vergehen. 15 Jahre, in denen Dita und Thane nicht ahnen, dass sie beide manipuliert wurden und eine Lüge leben…

 

 

 

Doch je älter Dita wird, umso mehr spürt sie, dass ihre Gefühle für Thane nicht so unschuldig sind, wie sie sein sollten. Er ist ihr bester Freund, ihr Held, ihr Beschützer und sie liebt ihn mehr, als sie in Worte fassen kann. Doch sie schämt sich viel zu sehr, um jemals aussprechen zu können, wie viel sie wirklich für ihn empfindet.

 

Bis zu diesem Tag, an dem ihr ein Fremder begegnet, der beweist: Sie ist nicht die, die sie glaubt …

 

 

 

»Das Herz macht keine Fehler« - die außergewöhnlichste Liebesgeschichte des Jahres, voller Geheimnisse und unausgesprochener Sehnsüchte. Ein Buch, das zeigt: Leidenschaft besiegt alle Regeln.

 

»Das Herz macht keine Fehler« ist der erste Teil der Heartbreaker-Trilogie. Der zweite Teil erscheint im Februar. Die drei Teile umfassen zusammen über 1100 Seiten.

 

Bitte die Trigger-Warnung beachten!


 

 

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© by Autor, 2018

 

 

 

Photo © OlScher, Stockfoto-ID: 595424060


 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

ACHTUNG: Trigger-Warnung

 

 

 

Auch wenn in diesem Buch zu keinem Zeitpunkt eine Form von inzestuöser Liebe vorkommt, zieht sich dieses Thema durch die ganze Geschichte. Wer in dieser Hinsicht Bedenken oder sogar schlechte Erfahrungen gemacht hat, den bitte ich DRINGEND, dieses Buch nicht zu lesen!


Vorwort

 

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

 

 

die Idee zu dieser Geschichte spukt schon sehr lange durch meinen Kopf. Aber ich habe eigentlich nie vorgehabt, sie wirklich zu veröffentlichen, weil das Thema doch schon sehr ungewöhnlich ist.

 

Je länger ich daran geschrieben habe, umso mehr fühlten sich die Worte, die Protagonisten und die Handlung einfach richtig an. Nachdem ich von einigen Testlesern gutes Feedback bekommen habe, hat mich das ermutigt, diesen Schritt doch zu gehen.

 

Mir ist bewusst, dass ich damit ein Wagnis eingehe. Ich hoffe einfach darauf, dass diejenigen, die sich dazu entscheiden, diesen Roman zu lesen, den Klappentext und die Trigger-Warnung beachtet haben und wissen, was sie ungefähr erwartet.

 

 

 

Viel Spaß und ein paar schöne Stunden wünscht Dir

 

Deine Mayla


 

 

1

 

 

 

 

 

Ɗita

 

 

 

 

 

»Mein Gott! Dein Dad ist sowas von heiß!«, lachte Elle neben mir.

 

Ich riss die Lider auf, die grelle Sommersonne trieb mir sofort die Tränen in die Augen. Langsam drehte ich den Kopf in Elles Richtung. »Hör auf damit!«, sagte ich grinsend.

 

Elle räkelte sich auf der Sonnenliege, die direkt neben meiner stand. Ihr Blick glitt wieder zum Swimmingpool. Mit der Hand fächelte sie sich Luft zu. »Er ist heiß. Ist nur eine Feststellung.«

 

»Lass das!«, lachte ich, hielt mich an den Lehnen meiner Liege fest und setzte mich auf. »Wie fändest du es, wenn ich sowas über deinen Dad sagen würde?«

 

»Ich fänd’s komisch«, antwortete Elle und zog die Mundwinkel herunter. »Meiner ist 60 Jahre alt, hat einen Bierbauch und kaum noch Haare. Aber deiner …«

 

»Alles klar«, unterbrach ich sie und winkte ab. »Belassen wir es einfach dabei.«

 

»Tja«, sagte Elle und rückte die Sonnenbrille auf ihrer Nase zurecht, »er ist jedenfalls ein Anblick für die Götter.« Ein vergnügtes Schmunzeln legte sich auf ihre Wangen.

 

Grummelnd ließ ich mich zurückplumpsen. Ich schaute ebenfalls zum Pool. Mein Vater saß dort am Beckenrand und ließ die Beine ins Wasser baumeln. In den Händen hielt er ein Buch. Empire Falls. Das hatte ich ihm empfohlen.

 

Elle hatte recht. Er sah gut aus. Verdammt gut. So als wäre er einem Werbeplakat für teures Herrenparfum oder Luxusuhren entstiegen.

 

Es gab nur wenige Frauen auf dieser Erde, die seiner rauen Sinnlichkeit widerstehen konnten. Selbst meine Freundinnen gerieten bei ihm ins Schwärmen – obwohl er mit seinen 38 Jahren eigentlich ein bisschen zu alt für sie war. Tatsache war aber: Die wenigen Falten, die er hatte, machten sein schönes Gesicht nur noch markanter.

 

Wäre er einfach nur irgendjemand gewesen, hätte ich garantiert auch einen zweiten Blick riskiert. Groß, dunkelhaarig, muskulös, blaue Augen – wer ließ sich das entgehen? Natürlich konnte ich Elle nicht verbieten, dass ihr das auffiel. Aber ich wollte es trotzdem nicht hören. Nicht von ihr zumindest – sie war meine beste Freundin.

 

Plötzlich sprang Elle auf. »Lass uns schwimmen gehen!«

 

Mit einem schrägen Grinsen sah ich ihr hinterher. Schließlich rappelte ich mich hoch und bückte mich nach meinem Haargummi, das auf dem frisch gemähten Rasen lag. Mit einer flinken Handbewegung band ich meine schulterlangen, kupferfarbenen Haare zurück.

 

Elle hopste fröhlich zum Pool. Ihre blonde Mähne wehte im Wind. Der knappe, schwarze Bikini bedeckte wirklich nur das Nötigste ihres zierlichen Körpers.

 

Mein Dad sah kein einziges Mal auf. Auch dann nicht, als Elle sich auf der anderen Seite des Pools grazil ins Wasser gleiten ließ, obwohl sie vor dem Sprung noch ein bisschen posiert hatte.

 

Es wunderte mich nicht, dass Elle ihn nicht interessierte. Das hatte nichts mit ihr zu tun. Elle war der Traum aller Männer zwischen 13 und 100. Aber meinen Vater reizte sie trotzdem nicht. Er schien absolut immun gegen alle Formen weiblicher Versuchungen zu sein.

 

Meine Tante sagte, das läge einfach daran, dass er früher keiner Gelegenheit aus dem Weg gegangen war. Er hätte genug erlebt für ein ganzes Menschenleben, behauptete sie. So ganz stimmte das aber nicht. Ich hatte allerdings eine ganze Weile gebraucht, um zu verstehen, was es eigentlich bedeutete, wenn er mal wieder länger im Büro blieb.

 

So oder so – die wilden Jugendjahre meines Vaters waren legendär in unserer Familie – und auch darüber hinaus. Und ich war das Produkt von einem dieser zahllosen Abenteuer, die er gehabt hatte.

 

Meine Grandma meinte, es wäre ein Wunder, dass ihm nicht noch mehr Ausrutscher passiert waren.

 

Langsam wanderte ich über den Rasen zum Pool. Die Grashalme kitzelten mich unter den Fußsohlen.

 

Ich liebte diesen riesigen Garten mit den duftenden Rosenbüschen und Zitronenbäumen. Mein Dad und ich verbrachten fast jedes Wochenende in unserem Haus am Strand. So auch diesen Samstag, es war Spätsommer und die Sonne versank bereits, doch die Temperatur lag noch immer bei gut 30 Grad.

 

Ja, die Sommer hier waren herrlich. Aber wenn ich ehrlich war: Ich liebte die Winter noch viel mehr. Wenn die Kiefern am Strand sich unter der Schneelast beugten und das Meer rau und stürmisch war. Wenn ein Feuer im Kamin loderte und prasselte und wir es uns auf der Couch gemütlich machten, um einen der krawalligen Action-Filme zu sehen, die mein Dad so liebte. Nirgends konnte man die Ruhe des Winters so sehr genießen wie hier.

 

Das Anwesen lag am nördlichen Zipfel von Sands Point auf Long Island. Es befand sich inmitten einer Gegend, in der die Häuser so statthaft waren, dass die Besitzer ihnen Namen gaben. Unseres hatten wir Rainbow's End getauft. Es war eine alte Villa im Kolonialstil. Sie war schneeweiß, das Dach war mit verspielten Gauben geschmückt und die Fassade wurde von Erkern und Balkonen aufgelockert. Man fühlte sich in eine längst vergangene Ära versetzt, in der die Damen noch Diven und die Herren echte Gentleman gewesen waren.

 

Von hier schien die große Stadt weit weg zu sein, aber man konnte in kurzer Zeit genau dorthin zurück. Deswegen war Sands Point so beliebt bei Leuten, die in der City arbeiteten, aber gerne am Meer und mitten im Grünen wohnen wollten.

 

Elle zog ein paar Bahnen im Pool. Mir war eigentlich gar nicht so sehr nach Abkühlung. Stattdessen ging ich zu meinem Dad hinüber. Seine braungebrannte Haut glänzte feucht in der warmen Sonne. Er trug nur eine dunkle Shorts.

 

Während ich hinter ihm entlangschlenderte, betrachtete ich das Tattoo auf seinem Unterarm. In dunkelblauen Buchstaben stand dort: Go ahead – make my day. Ein Andenken an seine wilde Zeit. Natürlich hätte er es entfernen lassen können, aber vielleicht dachte er ja dann und wann gerne an damals zurück.

 

Ich ließ mich neben ihn sinken, streckte die Beine aus und tippte mit den Zehenspitzen aufs Wasser. Dann spähte ich ihn an.

 

In seiner Nähe kam ich mir immer so zerbrechlich vor. Er war mit seinen 1,93 auch gut 35 Zentimeter größer als ich. Im Gegensatz zu mir war er so hart, muskulös, austrainiert. Ich hingegen hatte zwei, drei Kilo zu viel auf den Rippen. Nicht, dass mich das störte. Aber im Vergleich zu ihm war ich irgendwie … weich.

 

»Ist es gut?«, fragte ich und nickte auf das Buch hinunter.

 

»Mh«, machte er und wiegte den Kopf. Ich mochte es, wenn er Mh machte. Es klang wie ein leises Knurren. Mein Dad hatte eine tiefe, raue Stimme. Sie erinnerte mich an das Gefühl von Sand, der zwischen den Fingern hindurchrieselt. »Wenn ich das so lese, bin ich jedenfalls froh, dass ich nie geheiratet habe.«

 

Ich kicherte. »Liam kommt nachher vorbei«, sagte ich dann und lugte meinen Dad gespannt an.

 

Kurz zögerte er. Schließlich machte er: »M-hm.« Es klang überaus neutral. Bemüht neutral.

 

Unwillkürlich musste ich grinsen. »Stört es dich, wenn er über Nacht bleibt?«

 

»Nein. Wieso sollte es?«, fragte er und hob die Schultern.

 

»Ich dachte nur … O, ich wette, er würde sich total freuen, wenn wir heute alle zusammen Abendessen«, sagte ich mit einem neckischen Unterton. »Ich hab ihm von deiner Paella erzählt. Und stell dir vor: Liam liebt Paella.«

 

Mein Dad räusperte sich kehlig. Dann hielt er kurz inne. Nickte. Schließlich raunte er: »Sicher.« Allmählich verriet er sich. Dieses ›Sicher‹ klang wie ein Seufzen.

 

»Oh hey!«, japste ich. »Heute Abend kommt doch ein Spiel der Indians. Du weißt ja, Liam ist ein totaler Sportfreak. Das könntet ihr doch zusammen ansehen.«

 

Ich konnte dabei zuschauen, wie er sich mehr und mehr verkrampfte. Seine ohnehin breiten Schultern wurden noch sehniger, die Adern aus seinem Hals traten hervor, seine Kiefermuskeln zuckten. »Ich denke«, sagte er brummend, »ein süßes Turtelpaar wie ihr sollte doch etwas Besseres mit seiner Zeit anzufangen wissen.«

 

Kichernd gab ich zurück: »Du kannst ruhig zugeben, dass du Liam nicht magst.«

 

Endlich schaute er mich an. Seine blauen Augen strahlten mit dem wolkenlosen Himmel um die Wette. Und ich fand, mein Dad hatte gewonnen. Aber das tat er ja immer.

 

»Ich mag ihn nicht besonders«, sagte er. Absolut entschieden, aber doch kein bisschen ärgerlich. »Aber er ist ein …« Kurz unterbrach er sich. Offenbar suchte er nach einem harmlosen Wort. »netter Kerl. Das meine ich ernst. Er ist höflich, er ist umgänglich, sehr zuvorkommend und so weiter. Also – ich stehe eurem Glück nicht im Weg. Aber halt mich da raus.«

 

Grinsend hob ich die Brauen. »Du findest ihn langweilig.«

 

»Ich finde, er ist langweilig und er ist ein Schleimer.«

 

»Echt?«, fragte ich scheinbar völlig erstaunt. »Fandest du es etwa schleimig, als er gesagt hat, er hätte auch gerne so tolle Autos wie du? Oder dass du die weltbeste Weinsammlung hast? Oder dass deine Crème Brûlée besser schmeckt als alles, was er jemals gegessen hat? Fandest du das etwa schleimig?« Nur mit größter Anstrengung konnte ich ein lautes Lachen unterdrücken.

 

Mein Vater legte den Kopf schief und schenkte mir einen amüsierten Sei nicht so aufmüpfig-Blick. »Tja, ich schätze, er will unbedingt, dass ich ihn mag.«

 

»Und genau damit hat er’s verhauen, hm?«

 

»Ehrlichkeit gefällt mir besser.«

 

»So?« Mit einem spitzen Grinsen nickte ich ihm zu. »Dann muss ich dir ganz ehrlich sagen: So gut ist deine Crème Brûlée nicht.« Bevor er etwas erwidern konnte, ließ ich mich von der Kante rutschen und tauchte tief unter.

 

Ich stieß mich vom Beckenrand ab, machte mich ganz gerade und ließ mich treiben. Als ich dann wieder auftauchte, drehte ich mich auf den Rücken und paddelte ein bisschen mit den Armen.

 

Mein Dad saß noch immer am Beckenrand. Er schenkte mir ein launisches Lächeln.

 

»Aber deine Paella ist wirklich ok!«, rief ich ihm zu.

 

Amüsiert schüttelte er den Kopf, dann stand er auf. Ich sah ihm nach, während er durch den Garten zur Terassentür ging. Bei jedem Schritt bewegten sich die definierten Muskeln in seinen Armen, seinem Bauch, seinen athletischen Beinen.

 

Ich tauchte wieder unter und schwamm bis zum Boden des Schwimmbeckens. Die kühlende Nässe kribbelte in meinem Nacken. Ein entspannendes Ziehen lief über meine Kopfhaut.

 

Erst als die Gier nach Sauerstoff nicht mehr auszuhalten war, tauchte ich wieder auf. Tief holte ich Luft und blinzelte in den schönen Himmel hinauf.

 

Elle schwamm zu mir. »Was machst du am nächsten Wochenende? Am Samstag gibt’s mal wieder eine Regatta. Wollen wir hin?«, fragte sie.

 

»Keine Zeit. Wir sind bei meinen Großeltern zum Essen eingeladen.«

 

»Uh«, machte Elle und zog eine Schnute. Sie wusste sehr genau, dass diese Familientreffen nicht gerade zu meinen Hobbys gehörten. »Gibt’s wieder Kaviar und Schampus?«

 

»Ja, garniert mit einem Haufen guter Ratschläge und Ideen, was ich besser machen könnte«, antwortete ich entnervt.

 

»Was stört sie denn? Du bist 20 und Multimillionärin. Wo ist das Problem?«

 

»Sie meinen zum Beispiel, ich sollte doch einfach hier bleiben. Warum denn auch studieren? Das ist doch so überflüssig. Und dann auch noch Musik? Wozu das denn? Musik ist nur ein Hobby – sagen meine Großeltern«, erwiderte ich und rollte mit den Augen.

 

»Ich will auch nicht, dass du studieren gehst«, sagte Elle grinsend, »dann sehen wir uns nicht mehr so oft. Aber was haben deine Großeltern dagegen? Meine Familie wäre froh, wenn ich endlich mal was Sinnvolles machen würde.«

 

»Sie meinen, das wäre nicht nötig. Ich werde später ja sowieso die Firma erben, sagen sie. Aber arbeiten sollen dort lieber andere. Wahrscheinlich wäre es ihnen am liebsten, wenn ich mich auf Charity-Veranstaltungen herumtreibe und tolle Dinner-Partys gebe. Alles zum Ruhm der Familie Harrington«, spottete ich.

 

Aber: Das war nicht die ganze Wahrheit. Es gab noch einen anderen Grund, weswegen meine Großeltern es gerne gesehen hätten, wenn ich, statt ans Berklee College of Music nach Boston zu gehen, hier geblieben wäre. Und der hatte mit meinem Vater zu tun. Jeder in der Familie wusste das, aber niemand sprach es aus.

 

 

 

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2

 

 

 

 

 

Ƭhane

 

 

 

 

 

»Auf Wiedersehen, Mr. Harrington«, flötete Elle Watkins mir zu.

 

Ich stand in der Küche und bereitete das Abendessen vor. Sie hatte sich in die Küchentür gelehnt und winkte neckisch. Mit ihren großen, blauen Augen lugte sie mich verwegen an. Und dann rutschte ihr ganz zufällig der Träger ihres weißen Sommerkleidchens über die Schulter. Ihr zartrosaner Spitzen-BH kam zum Vorschein. Scheinbar peinlich berührt zog sie den Träger wieder hoch.

 

»Mach’s gut, Elle«, erwiderte ich nickend. Absolut tonlos – was mir nicht schwerfiel. Sie war bestimmt ein hübsches Mädchen und so weiter. Aber sie ließ mich trotzdem absolut kalt. Ich vermutete auch, ihre Flirtversuche waren nur ein Späßchen. Ein Zeitvertreib. Ein kleiner Nervenkitzel. Jedenfalls hoffte ich das … Elle war gerade mal so alt wie meine Tochter und auch noch deren beste Freundin.

 

Mit einem schmalen Lächeln sah ich ihr nach, wie sie an Ditas Seite zur Tür trippelte.

 

»Sie ist ziemlich schräg«, sagte ich zu Dita, als sie wieder in die Küche kam. »Das hat sie von ihrer Mutter.«

 

Die Familie Watkins lebte ebenfalls in New York. Eine alte Familie wie unsere. Dita und Elle waren zusammen in die Schule gegangen. Ich kannte Elles Eltern ganz gut. Besser als mir lieb war, um genau zu sein. Ihr Vater war ein geschwätziger, prahlerischer Wichtigtuer, der nichts im Leben erreicht hatte, aber sich viel auf sein Erbe einbildete. Seine Frau Ginger war zumindest unterhaltsam – auf eine kuriose Art und Weise. Sie hatte ihre Tochter nach einer Modezeitschrift benannt, das sagte doch alles, oder? Jedenfalls war es nicht weiter verwunderlich, dass sich die Watkins ganz ausgezeichnet mit meinen Eltern verstanden. Genau der gleiche Schlag.

 

Aber ich verstand schon, warum Dita Elle so gerne mochte. Sie war immer gut gelaunt, lustig, ziemlich albern. Elle nahm die Dinge nicht so schwer, wie Dita das oft tat.

 

»Und sie steht auf dich«, sagte Dita kichernd und trat dann an die Kücheninsel heran. Sie schaute in die Schüsseln, die dort standen. Dann pickte sie sich eine Erdbeere heraus und saugte genüsslich daran.

 

Ich drehte ihr den Rücken zu. »Ist mir inzwischen aufgefallen«, sagte ich unbeeindruckt.

 

Dita stellte sich neben mich, stützte sich mit den Handballen auf die Küchenzeile und schaute mir zu, wie ich die Tomaten zerteilte. Sie trug noch immer ihren Bikini und hatte einen leichten schwarzen Morgenmantel übergeworfen.

 

Ich warf ihr einen Blick von der Seite zu. Aus ihren Haarspitzen tropften kleine Wasserperlen auf ihre Schultern. Obwohl der Sommer fast zu Ende war und Dita und ich jedes Wochenende im Freien verbracht hatten, war sie noch immer ziemlich blass. Ditas Haut war makellos, sehr hell, durchscheinend. An ihren Handgelenken konnte man die Adern durchschimmern sehen und wenn sie sich aufregte, wurde ihr Gesicht leuchtend rot.

 

Sie sah ihrer Mutter wirklich sehr ähnlich. Sie hatte den gleichen verträumten Blick, so als wäre ein Teil von ihr immer ganz woanders – in einer Welt, in die nur sie Zutritt hatte. Und sie hatte auch das spitze Kinn und die Apfelbäckchen von ihrer Mutter geerbt.

 

Vielleicht war Dita keine klassische Schönheit, aber in meinen Augen war sie schon immer die Schönste von allen.

 

Weil ich sie schon zu lange ansah, kehrte ich mich schnell ab.

 

»Kann ich dir helfen?«, bot sie an.

 

»Ja, du kannst draußen Kaninchen jagen gehen. Oder wir machen der Einfachheit halber Paella marisco«, erwiderte ich.

 

»Ich mag es mit Meeresfrüchten sowieso mehr«, erwiderte sie grinsend, dann ging sie hinüber zum Kühlschrank. »Vorhin habe ich mal nach Wohnungen geschaut. In der Nähe des Campus' gibt es jede Menge Wohnheime. Nur für Berklee-Studenten. Aber ich glaube, wenn ich dort wohne, werde ich nie abschalten können. Außerdem wird mir das Meer fehlen. Ich liebe es einfach, morgens aufzustehen und aufs Wasser zu gucken. Vielleicht dann doch besser eine eigene Wohnung? Am Hafen? Ich weiß nicht.« Während sie die Meeresfrüchte im Waschbecken abspülte, hielt sie inne. »Aber ich … weiß gar nicht, ob ich wirklich alleine wohnen will.«

 

In gut einem Monat startete die Uni. Genau am Montag nach Ditas 21. Geburtstag begann das Semester. Nicht mehr viel Zeit. Auf ihre Aufnahmeprüfung hatte Dita sich extrem penibel vorbereitet, aber als es dann an die Planung ihres nächsten Lebensabschnitts gegangen war, hatte ihre Motivation ganz schön nachgelassen.

 

»Eine Wohngemeinschaft?«, fragte ich verwundert.

 

»Ja, warum nicht?« Sie zuckte die Achseln. »Du hast früher auch mit Freunden zusammengewohnt.«

 

»Erstens, das waren keine Freunde. Und zweitens, das hat mir nicht gut getan.« Nicht, dass es besser geworden wäre, als ich dann meine eigene Wohnung gehabt hatte. Ich war sowieso immer ein Einzelgänger gewesen. Nun, jedenfalls immer dann, wenn ich nicht eine beliebige Anzahl junger, schöner Frauen um mich herum gehabt hatte.

 

Dita betrachtete mich schmunzelnd. »Hast du etwa Angst, dass ich den ganzen Tag Party bis zum Umfallen mache und mich durch die halbe Stadt vögele?«, fragte sie vorwitzig.

 

»Dir ist klar, dass ich dann kommen muss, um dich zu retten, oder? Das wäre dir doch garantiert schrecklich peinlich, wenn dein alter Herr vor deinen ganzen coolen Freunden auftaucht und dich nach Hause schleppt.«

 

»Ach«, sagte sie amüsiert, »so peinlich bist du nicht.«

 

»Danke«, murmelte ich und lächelte sie an.

 

Ich gestand es mir nicht gerne ein, aber ein Teil von mir wollte nicht, dass sie ging. Sie würde mir fehlen. Sehr fehlen. Dita war der einzige Mensch auf dieser großen, weiten Welt, mit dem ich freiwillig und gerne Zeit verbrachte. Es machte mich einfach glücklich, wenn sie in meiner Nähe war.

 

Aber ich wusste auch, dass sie alt genug war. Und sie war vernünftig und klug und konnte sich wehren. Ich sagte mir, ich musste mir keine Sorgen um sie machen. Natürlich half das aber nichts. Ich machte mir Sorgen. Wie könnte ich nicht?

 

»Also, was hältst du davon?«, wollte sie wissen.

 

Abwägend hob ich die Schultern. »Das ist deine Entscheidung. Was für eine WG soll es denn sein? Zu zweit, zu dritt? Frauen oder auch Männer?«

 

»Ich würde mal sagen: mindestens 20. Und natürlich ausschließlich junge, gut gebaute Männer«, sagte sie schnurrend.

 

Ich war zu gewieft, um aus der Fassung zu geraten. Stattdessen meinte ich: »Wenn du das wirklich willst. Du weißt ja, wie viel Dreck Männer machen.«

 

»Ich kann sie doch einfach gut erziehen. Mit dir hat das ja auch geklappt.« Sie zwinkerte mir zu.

 

Ditas Schlagfertigkeit beeindruckte mich immer wieder. »Vielleicht solltest du nicht Musik studieren, sondern Kratzbürstigkeit für Fortgeschrittene«, schlug ich vor.

 

Kichernd verschränkte sie die Arme. »Nicht frech werden, Thane. Sonst bleibe ich auch an den Wochenenden weg.«

 

Mein Lächeln wurde schmäler – und sehr irritiert. »Hast du denn vor, jedes Wochenende nach Hause zu kommen?«

 

Auch Dita war mit einem Mal ganz verwundert. »Ja.« Sie schaute mich nachdenklich, fast etwas unsicher an. »Wer soll denn sonst meine Wäsche waschen?«, witzelte sie, aber der Scherz zündete nicht. Zaghaft hob sie die Mundwinkel, aber ich konnte sehen, wie sie grübelte.

 

»Mit dem Auto brauchst du mindestens dreieinhalb Stunden. Wie stellst du dir das vor?«

 

»Dann eben mit dem Zug.«

 

»Das dauert vier Stunden.«

 

Sie zuckte die Achseln. »Ich kann die Zeit ja nutzen. Zum Lernen.«

 

»Du willst also dein halbes Wochenende im Zug verbringen?«

 

»Wenn es nicht anders geht.« Sie nickte mir zu.

 

Manchmal fragte ich mich ja, ob dieses verrückte Leben, das Dita meinetwegen führte, wirklich gut für sie gewesen war. Sie hatte die meiste Zeit mit schrägen, geldgeilen Leuten zu tun gehabt. Auf materielle Dinge hatte sie nie verzichten müssen. Aber solche Gespräche wie dieses zeigten mir, dass sie glücklicherweise auf dem Boden geblieben war. Denn es gab da durchaus noch eine weitere Möglichkeit, die Dita aber offenbar nicht mal in den Sinn kam, nämlich den Privatjet. Das hätte viel Zeit gespart. Allerdings kostete so ein Flug samt Stellkosten, Instandhaltung und Treibstoff ein paar tausend Dollar – pro Minute. Theoretisch hätten wir uns das leisten können. Ich hielt das aber für eine reine Verschwendung. Allerdings kannte ich viel zu viele Leute, die ihren Jet wie ein alltägliches Fortbewegungsmittel benutzten und nicht einmal auf die Idee gekommen wären, ein öffentliches Verkehrsmittel zu betreten. Meine Dita war zum Glück nicht so. Anscheinend hatte ich bei meiner Erziehung nicht komplett versagt.

 

»Sieh es dir doch erstmal an«, sagte ich. »Wahrscheinlich wirst du nach ein paar Tagen gar nicht mehr dort weg wollen.«

 

Gedankenverloren ließ sie den Blick sinken. In diesem Moment sah sie wirklich niedergeschlagen aus.

 

»Mal sehen«, murmelte sie und lächelte tapfer.

 

»Um mich musst dir keine Sorgen machen. Ich halte das schon aus. Ich kann auch alleine meinen Spaß haben.«

 

»Haha«, machte sie kopfschüttelnd. »Du hasst Spaß. Ohne mich vereinsamst du doch total.«

 

»Wichtig ist, dass du etwas tust, das dir Spaß macht, Dita. Etwas, das dich glücklich macht.«

 

Dita seufzte leicht. »Jedenfalls denke ich, eine WG wäre gar nicht schlecht. Ich hab gerne Leute um mich rum.«

 

»Sicher. Wie du willst. Aber achte drauf, dass diese Leute ordentliche, strebsame Leute sind. Ich weiß, wovon ich rede.«

 

»Keine Sorge. Ich bin jetzt schon vernünftiger, als du es je sein wirst.«

 

Ich musste lachen. So ganz unrecht hatte sie nicht.

 

Es war schon erstaunlich, dass Dita trotz all der merkwürdigen, erschreckenden und zweifelhaften Dinge, die ihr widerfahren waren, trotzdem so normal geworden war. In mancher Hinsicht war sie vielleicht etwas weltfremd, ein bisschen zu verträumt. Aber sie hatte andere Stärken. Sie war selbstlos, ehrgeizig, rücksichtsvoll und großzügig. Sie konnte gut mit Menschen umgehen, war witzig und geduldig. Ja, manchmal war sie sogar etwas zu nett. Von mir hatte sie das definitiv nicht …

 

 

 

Ich war gerade dabei, den Tisch im Esszimmer zu decken, als es klingelte. Innerlich verkrampfte ich mich, als ich Liams weiche, melodische Stimme aus der Eingangshalle hörte. Kurz darauf tauchte der blonde 23-jährige in der Tür auf.

 

Wie immer strahlte er über das ganze Gesicht. Er sah stets aus, als käme er direkt vom Strand mit seinen ohrlangen, lockigen strohblonden Haaren und den viel zu engen Shirts. Und leider sah er auch wie jemand aus, der sein Leben nicht so ganz auf die Reihe bekam. Was auch stimmte. Er hatte angefangen, Psychologie zu studieren, aber seit eineinhalb Jahren verdingte er sich als Stadtführer und Barkeeper. So hatten sie einander auch kennengelernt. Die beiden waren schon etwa ein halbes Jahr ein Paar, doch Dita hatte über drei Monate gebraucht, bis sie ihn mir vorgestellt hatte. Ich schätzte mal, ihre große Liebe war Liam nicht. Nun, ehrlich gesagt: Ich hoffte es.

 

»Hi Mr. Harrington«, begrüßte er mich und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu.

 

Ich hatte ihm das Du nicht angeboten und er hatte auch nicht darum gebeten. So war es mir lieber. Ich rang mir ein Lächeln ab, aber das sah wahrscheinlich eher beängstigend aus. Ich war kein guter Schauspieler.

 

»Liam«, sagte ich und drückte seine Hand so fest, dass er ein bisschen zusammenzuckte.

 

»Hey, wow. Das riecht fantastisch!«, freute Liam sich.

 

Ich sah an ihm vorbei zu Dita. Diese beobachtete uns amüsiert. »Setz dich doch schonmal, Liam«, sagte sie und deutete auf den Platz am Kopfende. Das war eigentlich mein Platz.

 

Gemeinsam gingen Dita und ich in die Küche. Sie nahm die Pfanne vom Herd, ich das Tablett mit den Getränken.

 

»O, ich hab Liam noch gar nicht davon erzählt, dass wir nächste Woche Sonntag zu den Giants gehen«, flüsterte sie, während sie vor mir wieder ins Esszimmer ging. »Ich wette, er wird sowas von begeistert sein.«

 

»Vorsicht, Heartbreaker. Du spielst mit dem Feuer.«

 

»Ist meine Spezialität«, lachte sie.

 

Dita setzte sich rechts von Liam, ich ihr gegenüber. Ich schaute zu, wie sie ihren Stuhl ein bisschen weiter in seine Richtung rückte.

 

»Dann mal guten Appetit«, wünschte sie uns.

 

Liam meinte anscheinend, er müsste noch ein bisschen mehr Lob verteilen. »Das sieht so lecker aus!«

 

»Danke, Liam«, raunte ich tonlos und schaute stur auf meinen Teller hinunter.

 

Das ganze Essen über versuchte Liam ein Gespräch mit mir anzuzetteln. Er gab sich wirklich große Mühe, das musste man ihm lassen. Aber ich war sehr wählerisch, was meine Gesprächspartner und auch die Themen anging. Das Letzte, was ich brauchte, war jemand, der mir Komplimente machte. Mit Schmeicheleien erreichte man bei mir nur eines: meine Abneigung.

 

Irgendwann gelangte Liams Schleimerei zu einem vorläufigen Höhepunkt, als er sagte: »Ich hab übrigens den Artikel im Economist über Sie gelesen. Total beeindruckend, echt.«

 

»Was genau fandest du beeindruckend?«, entgegnete ich, ohne von meinem Essen aufzusehen. »Die ganzen Zahlen?«

 

Liam stockte. Dann lachte er leicht. Er wusste wohl nicht, was er mit dieser Frage anfangen sollte. »Ich meine, wie schnell Sie aus dieser bankrotten Firma ein echtes Imperium aufgebaut haben. Und wie Sie Ihre Konkurrenten plattgemacht haben. Und so weiter.«

 

»Mh«, machte ich und lugte zu Dita hinüber. Ihr Blick war ein bisschen vorwurfsvoll. Also ließ ich mich zu einem »Diese Geschichten machen alles viel dramatischer, als es eigentlich war« hinreißen.

 

»Am Montag wird mein Dad übrigens vom Time Magazin interviewt«, sagte Dita grinsend.

 

Liam flippte aus. »O wow! Wahnsinn! Echt?!«

 

»Ja«, antwortete ich, wobei ich Dita anblitzte.

 

»Das ist ja super! Ich werde das auf jeden Fall lesen.«

 

»Darüber wird sich das Time Magazin bestimmt freuen«, erwiderte ich.

 

Dita japste belustigt. Aber dann tat sie, als hätte sie sich verschluckt.

 

Zunächst war ich sehr dankbar, dass Liam seine Aufmerksamkeit endlich Dita widmete. Sie sprachen darüber, was sie zusammen unternehmen könnten, welche tollen Partys anstanden und wie es sein würde, wenn sie dann weit weg in Boston wäre.

 

Ich hörte nur halbherzig zu.

 

Irgendwann schob Liam seine Hand über den Tisch. Seine Finger strichen über Ditas Daumen, wanderten weiter, über ihren Handrücken. Zärtlich streichelte er ihr über den Unterarm.

 

Rasch senkte ich den Blick. Es drückte in meiner Brust.

 

Ich war viel zu empfindlich, wenn es um Dita ging. Das sagte ich mir immer wieder.

 

Liam war ein harmloser, lieber Kerl. Ich sollte mich glücklich schätzen, dass Dita einen halbwegs normalen Männergeschmack hatte.

 

Aber die Wahrheit war: Keiner erschien mir gut genug für sie.

 

Schließlich stand ich auf. »Ich wünsche euch einen schönen Abend«, sagte ich und trug meinen Teller in die Küche.

 

Dort angekommen, bemerkte ich, dass mein Herz fest pochte. Ich blieb unschlüssig stehen und stieß ein ärgerliches Brummen aus.

 

So schlimm war Liam nun wirklich nicht, erinnerte ich mich. Wieder und wieder.

 

Ich verdrängte die Einsicht, dass das eigentliche Problem rein gar nichts mit Liam zu tun hatte. Ich verdrängte – so wie ich das seit Monaten tat. Und inzwischen war ich darin meistens ganz gut.

 

 

 

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3

 

 

 

 

 

Ɗita

 

 

 

 

 

»Geht ihr nächsten Sonntag zum Spiel der Giants?«, fragte Liam. Er lag auf dem Bett in meinem Schlafzimmer und hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Direkt nach dem Essen waren wir nach oben gegangen.

 

Auf dem Flachbildfernseher lief gerade Game of Thrones, aber ich sah gar nicht hin. Stattdessen kuschelte ich mich in den Korbstuhl am Fenster und schaute über den Garten hinweg aufs Meer. Die Sonne versank gerade. Der Ozean stand in glutroten Flammen.

 

Das perfekte Motiv für ein Foto. Aber ich hatte schon so viele von diesem Ausblick gemacht. Wie sehr ich das vermissen würde …

 

»Ja«, sagte ich nickend. »Ist das erste Spiel der Saison. Es sieht komisch aus, wenn wir uns da nicht blicken lassen.«

 

»Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eine Freundin habe, deren Dad eine Footballmannschaft besitzt.«

 

»Na ja«, murmelte ich und schaute Liam mit einem schiefen Grinsen an, »eigentlich würde ich lieber zuhause bleiben.«

 

Liam stemmte sich auf die Ellbogen und schaute mich groß an. »Meinst du, ich kann irgendwann mal … mitkommen?«

 

Ich öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Durchaus etwas verlegen erklärte ich: »Liam, es geht bei dieser Sache ja hauptsächlich um PR. Gesehen werden und so weiter. Du weißt ja, die ganzen Kameras …« Vielsagend nickte ich ihm zu.

 

»Verstehe«, murmelte er und zog den Mund schief. »Wir sind jetzt fast ein halbes Jahr zusammen.«

 

Fragend legte ich den Kopf schief. »Und?«

 

»Und, na ja, ich frage mich, ob das mit uns auch irgendwann mal … offiziell wird.«

 

»Offiziell?«, wiederholte ich irritiert. »Es ist ja nicht so, dass ich dich verstecke.«

 

»Nein, aber zu den ganzen Veranstaltungen, die du besuchst, nimmst du mich auch nicht mit.«

 

»Das ist alles fürchterlich langweilig.«

 

»Ein Spiel der Giants ist also langweilig?«, erwiderte Liam zweifelnd.

 

Allmählich spürte ich, dass das hier keine normale Diskussion war. Er machte mir daraus einen Vorwurf.

 

»Wir sind dort nicht zum Vergnügen«, stellte ich klar. »Die ganze Zeit sind ein Dutzend Kameras auf dein Gesicht gerichtet. Du musst mit irgendwelchen wichtigen Leuten reden. Und danach muss man dann noch ein paar Interviews geben und sich noch mehr fotografieren lassen. Das ist nicht … schön

 

Liam drückte die Brauen zusammen. »Ist es wegen deinem Dad?«

 

»Was meinst du?«, fragte ich verblüfft.

 

»Er ist dagegen, oder?«

 

»Keine Ahnung«, sagte ich achselzuckend, »wir haben nie darüber gesprochen.«

 

»Aber wenn er dagegen wäre, würdest du natürlich mitziehen.«

 

Verwirrt legte ich die Stirn in Falten. Es gefiel mir gar nicht, wie das hier gerade lief. Eigentlich mochte ich Liam, weil er so unkompliziert war. Er war immer gut gelaunt – manchmal auch ein bisschen zu guter Laune. Ich mochte es, dass er sich für so viele Dinge begeistern konnte und dass für ihn das Leben nicht so kompliziert war, wie es mir manchmal vorkam.

 

Aber, wenn ich ganz ehrlich war, ich war mir nicht sicher, ob das mit uns die große Liebe war. Ich glaubte eigentlich überhaupt nicht an so etwas wie die große Liebe, aber zumindest glaubte ich an Liebe. Und ich schätzte, das, was ich Liam gegenüber empfand, war eben so viel Liebe wie man nach so kurzer Zeit für jemanden empfinden konnte. Aber das bedeutete ja nicht, dass Liam und ich bis ans Ende unseres Lebens zusammenbleiben würden.

 

Es war schön mit ihm. Wir hatten viel Spaß und stritten uns nie. Aber es war nicht so, dass mir nie etwas fehlte. Manchmal vermisste ich etwas mehr Leidenschaft, Abenteuer, dieses ganz bestimmte Kribbeln …

 

Liam war in vieler Hinsicht eher wie ein Freund für mich. Darüber wollte ich mich auch gar nicht beklagen. Ich brauchte gar keine dramatische, alles verschlingende Explosion der Gefühle. Doch manchmal spürte ich da eine Sehnsucht in mir, die Liam niemals befriedigen konnte. Vielleicht war das eine Frage der Zeit, eine Frage des Vertrauens. Vielleicht

 

Ich sammelte mich und sagte dann freundlich, aber auch sehr bestimmt: »Ok. Ich bin einfach noch nicht so weit, Liam. Ich denke, ich bin noch nicht bereit für diesen Schritt. Wenn wir dort zusammen gesehen werden, dann wird sich alles verändern. Auch für dich. Du solltest dir klar machen, dass das nicht so einfach ist. Ich meine, hier in New York stehe ich unter Beobachtung.«

 

»Ja, und es wird sehr genau beobachtet, mit wem du deine Zeit verbringst.«

 

»Richtig.«

 

»Bin ich dir etwa peinlich?«

 

Ich japste nach Luft. »Was?! Nein!« Heftig schüttelte ich den Kopf. »Darum geht es doch gar nicht, Liam. Aber ich will eben nicht eines von diesen reichen, dämlichen Mädchen sein, die durch die Klatschpresse getrieben werden, weil sie ihr Liebesleben an die große Glocke hängen.«

 

»Dein Liebesleben ist doch nun echt kein Skandal. Dann kommt eben mal ein kleiner Artikel, in dem steht, dass dein Freund Liam Thompson heißt. Wäre das so schlimm?«

 

»Das ist mein Privatleben. Ich will selbst entscheiden, mit wem ich das teile – und wann.«

 

Liam schaute mich stur an. Aber dann blinzelte er plötzlich nachdenklich an sich hinab. Er nickte leicht. »Sorry«, wisperte er. »Ich will dich ja nicht unter Druck setzen oder so.«

 

Augenblicklich wurde auch ich ruhiger. Ich stand von meinem Sessel auf und schlenderte zum Bett. »Gib mir einfach noch ein bisschen Zeit zum Nachdenken, ok? Ich brauche das.«

 

»Klar«, sagte er einsichtig. Er streckte den Arm nach mir aus.

 

Ich nahm seine Hand in meine und ließ mich auf die Bettkante sinken. Liam setzte sich auf und hauchte mir einen Kuss auf den Mund.

 

»Leg dich zu mir. Dann können wir kuscheln und uns ansehen, wie hart das Leben in Westeros ist.«

 

Kaum hatte ich mich ausgestreckt, schlang er seine Arme um mich und ich schmiegte mich an seine Seite.

 

»Das ist aber schon die letzte Folge der Staffel«, sagte er.

 

»Egal. Ich hab sowieso die Hälfte der Serie verpasst.«

 

In den letzten Monaten hatte ich einfach nicht so viel Freizeit gehabt. Und schon gar nicht genug, um fern zu sehen. Entweder hatte ich gearbeitet oder mich auf die Aufnahmeprüfung für Berklee vorbereitet. Ich hatte es geschafft, aber es war hart gewesen. Den größten Stress hatte mir aber nicht das Vorspielen bereitet, sondern diese Interviews, in denen man die Professoren von sich überzeugen musste. Da musste man sich gut verkaufen – und das war nicht unbedingt mein Spezialgebiet. Ich hielt Bescheidenheit ja für einen guten Charakterzug, der aber in so einer Situation alles andere als hilfreich war. Wochenlang hatte ich mit Elle geübt, um mich selbst im besten Licht darzustellen und jede meiner Fähigkeiten als supergroßes Talent anzupreisen. Anscheinend war ich überzeugend genug gewesen. Nur das zählte.

 

Natürlich hätte es nicht unbedingt Berklee sein müssen, es gab auch andere gute und anerkannte Musikhochschulen. Auch hier in New York. Berklee zählte zu den Besten des Landes und es war eine große Ehre dieselbe Einrichtung zu besuchen wie Melissa Etheridge, Aimee Mann oder Quincy Jones. Außerdem hatte Berklee den Vorteil, dass es nicht in New York war, aber auch nicht zu weit weg. Ich hatte mein ganzes Leben in dieser Stadt verbracht. Und eine andere Umgebung sollte ich irgendwann mal erlebt haben, dachte ich. Auch wenn ich bereits ahnte, dass es dort ziemlich ähnlich wie hier war.

 

Doch der Hauptgrund, warum ich wegging, war der, dass ich viel zu gerne hier geblieben wäre … Zuhause. Bei meinem Dad.

 

Das war ziemlich schräg – in meinem Alter. Oder?

 

»Du bist immer so fleißig«, lobte Liam mich und grinste mich an. »Vielleicht werde ich das auch mal irgendwann, aber HBO hält mich immer wieder davon ab. Dauert nicht mehr lange. Die Folge ist gleich rum.« Liam streichelte mir über die Wange. Ich schob mein Bein zwischen seine. Seine Hand wanderte tiefer und verschwand schließlich in meinem Ausschnitt. Ich lächelte ihn vielsagend an.

 

»Warte«, sagte Liam plötzlich und starrte zum Fernseher, »gleich passiert’s.«

 

»Was?«, fragte ich und war nicht gerade begeistert, dass er diese Serie anscheinend spannender fand als mich.

 

»Ich will dich ja nicht spoilern.«

 

Durchaus enttäuscht maulte ich: »Los. Spoilere mich. Ich erinnere mich kaum noch an die Namen.«

 

»König Tommen stürzt sich gleich aus dem Fenster.«

 

Erschreckt fuhr ich hoch. »Was?!«, keuchte ich. »Schalt um!«

 

Liam sah mich verdutzt an. »Was?«

 

»Ich hab gesagt, schalt um!«, schrie ich ihn an. Meine Brust drückte sich so fest zusammen, dass es weh tat.

 

»Ok, ok.« Er sah sich nach der Fernbedienung um.

 

Das dauerte zu lange.

 

Eilig stand ich auf und lief zum Fernseher. Ohne einen Blick auf das Display zu werfen, zog ich den Stecker.

 

Schwer atmend blieb ich stehen. Das Adrenalin pumpte durch meine Adern. Mein Nacken spannte, mein Mund war trocken. Mein Körper spielte völlig verrückt.

 

»Dita?«, fragte Liam besorgt. »Was ist los?«

 

»Alles gut«, hauchte ich und schloss einen Moment die Augen. »Alles gut«, wiederholte ich flüsternd.

 

Ich hörte die Decken rascheln, dann Schritte hinter mir. Liams warme Hand legte sich auf meine Schulter.

 

»Tut mir echt leid«, sagte er vorsichtig. »Ich dachte, du wüsstest, wie blutig die Serie ist.«

 

»Wusste ich auch«, brachte ich kopfschüttelnd hervor. Schließlich drehte ich mich um. »Ist egal. Lass uns einfach nicht mehr darüber reden.«

 

»Klar. Wie du willst, Süße«, murmelte Liam. Aber ich konnte sehen, dass meine heftige Reaktion ihn verunsichert hatte.

 

Ich nahm seine Hand und zog ihn zum Bett. »Können wir … einfach kuscheln?«, bat ich.

 

Zumindest schenkte Liam mir endlich seine ganze Aufmerksamkeit. Wir legten uns Gesicht an Gesicht zueinander. Er streichelte meine Schulter, während ich meine Hände unter sein Shirt schob. Seine Haut war ganz glatt.

 

Allmählich wurde ich ruhiger. Entspannte mich. Endlich verschwanden diese Bilder wieder aus meinem Kopf. Es waren keine echten Bilder. Nur eine Fantasie. Doch wenn man sich etwas nur lange genug vorstellt, dann scheint es irgendwann real zu sein …

 

Liam beugte sich zu mir.

 

»Hast du Lust?«, flüsterte er mir ins Ohr.

 

Ich schluckte fest und nickte dann. Deswegen waren wir ja hier. »Klar«, antwortete ich.

 

»Super!«, freute er sich. Sofort begann er mich auszupacken wie ein Weihnachtsgeschenk. Und kaum war ich nackt, schlüpfte er auch schon aus seinen Klamotten.

 

Der Sex mit Liam war meistens nicht übel. Manchmal kam ich, manchmal nicht. Nun … meistens nicht. Aber er strengte sich wirklich an. Er versuchte wirklich jedes Mal, mich zum Höhepunkt zu bringen und das rechnete ich ihm hoch an. Es war aber irgendwie meistens etwas umständlich. Es ging weniger darum, sich fallen zu lassen, als darum, nicht zu stolpern.

 

Doch ich erwartete vermutlich einfach zu viel. Heiße Erotik und wilde Leidenschaft gab es in Filmen, in Büchern, im Kopf. Aber im echten Leben? Wohl eher nicht.

 

Liam und ich hatten schon viele lange Gespräche über unsere Vorlieben geführt. Nun ja, vor allem über meine Vorlieben. Dadurch war der Sex definitiv besser geworden, auch wenn es dem Ganzen einen Teil seines Zaubers nahm.

 

Liams Penis war schon ganz steif. Ich beugte mich zum Nachttisch und holte das Gleitgel aus der Schublade.

 

»Bleib so«, bat Liam.

 

Breitbeinig blieb ich vor ihm hocken. Er schob seinen Kopf zwischen meine Schenkel und leckte mir über die Schamlippen.

 

Ich schloss die Augen und vertrieb alle Gedanken. Meistens dachte ich beim Sex gar nicht an Liam und mich. Eigentlich versuchte ich an gar nichts zu denken. Einfach nur spüren und genießen.

 

Ich war nicht prüde. Aber ich hätte gut damit leben können, immer nur Sex im Dunkeln zu haben.

 

»Willst du oben sein?«, fragte Liam und schaute von unten zu mir hoch.

 

»Ja.«

 

»Cool.« Er streckte sich aus und wartete, bis ich mich auf ihn setzte.

 

Mit der Hand bearbeitete er meine Scham. Ich schoss die Lider, konzentrierte mich darauf, nichts zu denken und spürte nach einigen Minuten, wie sich endlich ein wohliges Gefühl in meinem Unterleib breitmachte.

 

»Hm«, seufzte ich, »ok, bin so weit.« Dann öffnete ich die Tube mit Gleitgel und rieb mich untenrum ein.

 

Liam grinste mich erwartungsvoll an. Ich schloss wieder die Augen.

 

Mit einem leisen Plopp glitt sein Glied in mich. Wir blieben still. Das Einzige, was zu hören war, war das Reiben unserer Körper.

 

Schon nach wenigen Bewegungen meiner Hüfte begannen Liams Oberschenkel zu zittern. Ich schob mich vor und zurück. Sein harter Penis massierte mich, reizte mein Inneres auf wohltuende Weise.

 

Aber das große Prickeln blieb aus. Meine Lust war da, aber sie war erträglich. Ich genoss es, wie sein Schaft über meinen Kitzler rieb. Es fühlte sich gut an. Gut.

 

Liam hatte mehr Spaß als ich. Und ich mochte es, seine Erregung zu spüren. Es gefiel mir, dass ich ihn so heiß machte.

 

Seine Hände strichen über meine angewinkelten Beine. Immer wieder zuckte er unter einer neuen Welle der Lust zusammen. Er wand und bebte unter mir.

 

Und dann spürte ich, wie es wärmer in mir wurde. Sein Saft sprudelte nur so in mich hinein.

 

Endlich öffnete ich wieder die Augen.

 

Liam lag schwer atmend vor mir. Feine Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.

 

Ich beugte mich zu ihm hinunter und küsste ihn. Nach dem Sex roch er immer so gut.

 

»Bist du gekommen?«, fragte er wispernd und lächelte mich hoffnungsvoll an.

 

»Nein.«

 

»O«, keuchte er, »sorry, Baby.«

 

»Macht doch nichts. Ich war ein bisschen abgelenkt.«

 

Entschuldigend schaute er zu mir hoch. Dann legte er seine Arme um mich und drückte mich an sich.

 

Ich blieb auf ihm liegen, bis sein Penis ganz von allein aus mir herausrutschte.

 

Danach gingen wir duschen und legten uns wieder aufs Bett. Wir ließen uns vom Abendprogramm berieseln. Kurz nach Mitternacht schlüpfte ich unter die Decke. Ich schlief ein, während Liam sich noch irgendeine lahme Sportsendung anschaute.

 

 

 

 

 

 

Am nächsten Morgen war Liam trotzdem schon vor mir wach. Er saß neben mir im Bett und tippte auf seinem Smartphone herum. Verträumt blinzelte ich zu ihm hoch.

 

Durch die Fenster fiel strahlender Sonnenschein. Ein weiterer herrlicher Tag. Aber leider war Sonntag und das bedeutete: Zurück in die laute, große Stadt.

 

»O, du bist wach«, fiel Liam auf.

 

»Ja.« Ich streckte mich gähnend. »Wie spät?«

 

»Fast elf.«

 

»Hm. Schon?« Verschlafen setzte ich mich auf und strich meine Haare zurück. »Eigentlich wollten wir heute schon früher wieder zurück sein.«

 

»Wenn es eilig ist, müssen wir ja nicht frühstücken.«

 

»Mhm.« Rasch stand ich auf und trat in meinen begehbaren Kleiderschrank. Ich nahm ein marineblaues Wickelkleid heraus, einen weißen String Tanga und entschied mich gegen BH.

 

Liam zog sich ebenfalls an. Dann gingen wir nach unten.

 

Als Liam mich das erste Mal in Rainbow's End besucht hatte, war er ziemlich beeindruckt gewesen. 450 Quadratmeter, neun Zimmer, sieben Bäder, Fitnessraum, Bibliothek – alles, was man so brauchte. Oder meinte, brauchen zu können.

 

Aber das hier war noch harmlos im Vergleich zu unserem Appartement in New York oder der Villa in den Hamptons. Für mich war das alles ganz normal. Manchmal schämte ich mich deswegen.

 

Aber immerhin konnte ich im Gegensatz zu Elle ohne Personal Trainer überleben und ich hätte einen Tag in der Natur einer Shoppingtour auf jeden Fall vorgezogen.

 

Trotz dieses Luxus', den mein Dad und ich genießen durften, meinten meine Großeltern, wir würden viel zu bescheiden leben. In ihren Augen war es zum Beispiel absolut verwerflich, dass wir kochten, putzten und staubsaugten – mit unseren eigenen Händen! Mit unseren Harrington-Händen!

 

Wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass ich einmal in einem solchen Haus wohnen würde? Nun, ich ganz sicher nicht. Damals wäre ich schon glücklich gewesen, in irgendeinem Haus zu leben oder ein eigenes Zimmer zu haben oder zumindest irgendeinen Ort, an den ich gehörte.

 

»Dad?!«, rief ich, als ich ihn weder im Wohnzimmer noch im Esszimmer fand.

 

Es blieb still.

 

»Vielleicht schläft er noch«, meinte Liam achselzuckend.

 

»Ja, aber das sollte er nicht.« Kopfschüttelnd schaute ich durch die deckenhohen Fenster in den Garten. Und dort entdeckte ich ihn. Verwundert ging ich zur Tür und trat hinaus auf die Terrasse. Es war ein wunderschöner Tag, aber ich konnte das gerade nicht genießen.

 

Mein Dad lag auf einer der Liegen, den Unterarm schützend vor die Augen gelegt und er trug nur eine Boxershorts.

 

»Hey Dad«, sprach ich ihn an.

 

»Morgen Mr. Harrington«, sagte Liam hinter mir.

 

»Mh«, brummte er. Nur widerwillig nahm er den Arm runter und blinzelte mich müde an. »War spät gestern«, erklärte er.

 

»Was hast du denn gemacht?«, fragte ich – obwohl ich das genau wusste. Manchmal war er wirklich unvernünftig. Missbilligend schüttelte ich den Kopf. »Wir müssen bald los.«

 

»Ich weiß.« Ächzend setzte er sich auf.

 

»Und so wie es aussieht, fahre ich.«

 

Er fuhr sich mit den Händen übers Gesicht, aber sagte nichts. Stattdessen holte er nur schwer Luft und sah mit zusammengekniffenen Lidern den Garten entlang.

 

»Kaffee?«, bot ich ihm an.

 

»Einen starken«, brummte er.

 

Liam trottete hinter mir in die Küche. »Soll ich uns noch was zum Frühstück machen?«, fragte er.

 

»Für mich nicht, danke«, sagte ich und stellte die Kaffeemaschine an.

 

»Und dein Dad?«

 

»Für den garantiert auch nicht.«

 

Liam nickte einsichtig.

 

Mit einer Tasse starkem, schwarzem Kaffee ging ich wieder nach draußen. Ich blieb neben meinem Dad stehen, während er daran nippte und verschränkte die Arme.

 

»Wir hatten doch eine Abmachung«, erinnerte ich ihn.

 

Mit einem unerwartet harten Blick sah er zu mir auf. »Ich weiß. Und die meiste Zeit halte ich mich auch daran.«

 

»Diese Abmachung betraf aber die ganze Zeit. Das ist der Sinn von einer Abmachung. Entweder sie gilt oder sie gilt nicht.«

 

Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie Liam sich etwas verschämt herumdrückte. Ihm war das hier ja vielleicht peinlich, mir nicht – ich war einfach nur verärgert. Und meinem Dad war es schon immer vollkommen egal gewesen, was irgendwelche Leute über ihn dachten.

 

Gereizt entgegnete er: »Es war Samstag, nicht Freitag. Ok. Wo ist der Unterschied?«

 

»Am Freitag hast du auch getrunken.«

 

»Aber nicht viel.«

 

»Toll. Dafür hast du das jetzt nachgeholt!«, spottete ich.

 

Mein Dad schaute mich warnend an. »Ich werde das jetzt nicht mit dir diskutieren.«

 

»Nein, natürlich nicht. Du willst lieber abwarten, bis ich es vergessen habe.«

 

»Ich will abwarten, bis du dich nicht mehr wie die Nemesis benimmst.«

 

»Oh!«, knurrte ich. »Und jetzt beleidigst du mich?! Wirklich sehr erwachsen, Thane.«

 

Auf der Fußsohle machte ich kehrt und stürmte wieder ins Haus. Ich musste mich irgendwie abreagieren und deswegen begann ich die ohnehin blitzblanke Küchenzeile zu schrubben.

 

Liam beobachtete mich aus sicherer Distanz. Irgendwann murmelte er leise: »Du und dein Dad … ihr … habt eine komische Beziehung.«

 

Abrupt hielt ich inne. Ohne es zu wollen, dachte ich wieder an meinen 20. Geburtstag. Ich versuchte so sehr, diesen Tag zu vergessen, diesen Moment, diese Sekunde …

 

Liams Worte hatten mich kalt erwischt. Völlig unvorbereitet. Und deswegen fiel es mir schwer, meine Fassade aufrecht zu erhalten.

 

Was sollte ich bloß sagen?

 

»Bitte?«, hauchte ich japsend, um Zeit zu gewinnen. Aber dann wurde mir klar: Ich wollte wirklich nicht, dass Liam seine Worte noch genauer erklärte. Harsch fügte ich hinzu: »Sprich nicht über Sachen, über die du nichts weißt.«

 

»Klar«, sagte er leise. »Entschuldige. Ich meinte ja nur …«

 

Eines hatte ich im Leben gelernt: Angriff war die beste Verteidigung. Ich wirbelte herum und starrte Liam aufgebracht an. »Mein Dad ist ein guter Vater, ok? Es gibt nicht viele Männer, die ihr ganzes Leben umkrempeln, nur um für ihr Kind da sein zu können. Jeder hat Fehler. Das macht ihn nicht zu einem schlechten Menschen.«

 

Besänftigend hob Liam die Arme. »Ich wollte wirklich niemanden beleidigen.«

 

Streng musterte ich ihn, dann nickte ich. »Am besten wir lassen das Thema einfach.«

 

Er nickte zwar auch, aber er wirkte immer noch argwöhnisch. Zögernd fragte er: »Wo ist eigentlich … deine Mom?«

 

Es gab nichts auf dieser Welt, über das ich weniger gerne sprach, als über sie. Ich hatte Liam ganz am Anfang gesagt, dass sie uns verlassen hatte. Und ich hatte ihn gebeten, nicht mehr nachzufragen. Aber nun tat er es doch. Natürlich konnte ich ihm das nicht verübeln. Er war sehr geduldig gewesen. Sehr nachsichtig.

 

Eine Weile stand ich nur da und schaute Liam ausdruckslos an. Die Antwort formte sich in meinem Kopf. Aber die Worte wollten mir einfach nicht über die Lippen kommen.

 

Wenn ich es laut aussprach, dann spürte ich wieder diese Endlichkeit, diese Unabänderlichkeit, diese vollkommene Leere.

 

Es gab nur sehr wenige Menschen, mit denen ich über meine Mom gesprochen hatte. Natürlich mit meinem Dad. Mit ein paar Psychologen. Mit Elle. Und das war’s auch schon.

 

Ganz leise säuselte ich: »Sie ist gestorben.«

 

Liams Lider weiteten sich. »Oh«, machte er betroffen.

 

»Das ist lange her«, fügte ich hinzu – aber das klang sehr viel trauriger als beabsichtigt.

 

Es stimmt eben nicht, dass Zeit alle Wunden heilt. Manche bleiben für immer.

 

»Ich hätte nicht fragen sollen«, flüsterte er.

 

»Nein, ist wirklich in Ordnung, Liam.«

 

Er lugte mich vorsichtig an. Seine Neugier war zum Greifen. »Wann ist das passiert?«

 

»Vor einer Ewigkeit. Ich erinnere mich gar nicht an sie. Sie war …« Ich verstummte mitten im Satz.

 

Mein Dad war im Gang vor der Küche aufgetaucht. Seinem misstrauischen Blick nach zu urteilen, hatte er gehört, worüber wir gesprochen hatten. Und das war nicht gut.

 

»In zehn Minuten seid ihr draußen«, sagte er zu mir.

 

Wortlos nickte ich ihm zu.

 

 

 

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Der verhängnisvolle 20. Geburtstag von Dita Harrington

 

 

 

 

 

»Dad!?«, rief ich und stützte mich an der Wand ab, während ich mir meinen zweiten Schuh über die Ferse zog. Rote High Heels. »Ich muss los!« Normalerweise gefielen mir bequeme Schuhe viel besser. Aber zu dem kleinen Schwarzen, das ich trug, hätten Sneaker wirklich nicht gepasst.

 

Ein paar Sekunden später tauchte mein Dad auf dem Treppenabsatz auf. Auf dem Weg nach unten in die Eingangshalle fuhr er sich durch sein volles, dunkles Haar, das noch feucht vom Duschwasser war. Er war gerade erst vor ein paar Minuten von einem langen Geschäftstermin zurückgekommen, aber trotzdem sah er erschreckend frisch und erholt aus.

 

»Muss ich dich nochmal an die Regeln erinnern, die wir aufgestellt haben?«, fragte er, während er zu mir schlenderte.

 

»Nein«, seufzte ich – aber natürlich tat er es trotzdem.

 

»Trink nicht zu viel und steig zu niemandem ins Auto, der getrunken hat. Wenn dir jemand Pulver oder Pillen anbietet, sagst du Nein. Sorg dafür, dass keiner ein Foto von dir in einer ungünstigen Situation macht. Und lass dich nicht auf irgendwelche Bettgeschichten ein. Das endet nie gut.«

 

»Mit anderen Worten: Ich soll es einfach nicht so machen, wie du das früher gemacht hast.«

 

»Mh«, machte er zustimmend und schmunzelte mich schief an.

 

»Ich bin brav. Versprochen«, sagte ich belustigt.

 

Und dann machte ich einen Fehler.

 

Es begann eigentlich ganz harmlos.

 

Ich streckte die Arme aus und umarmte ihn.

 

Seine feste Brust drückte sich gegen meine. Ich konnte seine Atemzüge spüren. Sein warmer Atem strich über mein Haar. Meine Wange schmiegte sich an seinen breiten Hals, sein Fünftagebart kitzelte mich an der Stirn.

 

Plötzlich wurde mir ganz warm im Bauch, mein Inneres zog sich krampfartig zusammen. So heftig, dass es ganz tief in mir kribbelte.

 

Rasch ließ ich ihn los.

 

Doch es war zu spät und ich schaffte es nicht mehr, mich einfach abzuwenden.

 

Langsam hob ich die Lider, schaute hinauf in sein angespanntes Gesicht. Ich sah, wie er sich versteifte, wie sich jeder Muskel seines Körpers anspannte.

 

Es war unerträglich still zwischen uns. Doch in mir tobte ein Sturm. Verwirrende Gedanken rauschten durch meinen Kopf, mein Puls klopfte in meinen Ohren. Ich konnte nicht einmal mehr atmen, nicht mehr blinzeln, überhaupt nichts mehr.

 

Ein Kribbeln jagte über meinen Nacken. Wie ein feines elektrisches Knistern. Jedes Härchen stellte sich auf. Meine Mundwinkel begannen zu prickeln. Ohne es zu wollen, glitt mein Blick zu seinen Lippen. Und ich … wollte sie so gerne schmecken …

 

Das war falsch.

 

So falsch.

 

Ich wusste das – aber mein Herz interessierte sich nicht für die Dinge, die in meinem Kopf vor sich gingen. Denn das Herz kennt keine Fehler.

 

Plötzlich schluckte er schwer. Ich sah, wie sein Adamsapfel sich gegen seine sonnengebräunte Haut abzeichnete. Er trat zurück und richtete den Blick stur zu Boden. Ein Zucken lief über sein Gesicht.

 

»Ich wünsche dir einen schönen Abend, Dita«, brachte er gepresst hervor.

 

»Danke«, sagte ich stammelnd.

 

Ich drehte mich um. Mit steifen Schritten ging ich zur Haustür, ganz langsam, so als wollte ich uns beiden vormachen, dass ich eigentlich gar nicht davonlief.

 

So etwas durfte nie wieder passieren.

 

Mit aller Macht redete ich mir ein, das wäre nur eine kurze Entgleisung gewesen, ein verrückter Zufall, falsche Zeit, falscher Ort. Ja, ich sagte mir sogar, das eben hätte gar nichts mit uns zu tun gehabt. Es wäre nur eine Verwirrung der Gefühle. Absolut bedeutungslos.

 

Ich wünschte mir so sehr, das wäre die Wahrheit. Aber ich wusste längst, dass ich mich damit nur selbst belog.

 

Was zur Hölle stimmte nicht mit mir?

 

 

 

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