Dollhouse

 

1

 

 

 

 

 

 

 

Sheila nickte zu einem der Gebäude hinüber. »Wie wärs damit?« Grinsend knuffte sie mich in die Seite.

 

Ich betrachtete die Leuchtschrift über dem Eingang. Dollhouse stand dort in pinken Buchstaben.

 

In diesem Moment stieß mir jemand im Vorbeigehen den Ellbogen in den Rücken. Ich stolperte einen Schritt vor. Ärgerlich sah ich mich um. Aber der Kerl war zu betrunken, um mich auch nur zu bemerken.

 

Wo waren wir hier nur gelandet?

 

»Das ist wohl kaum das Richtige für uns«, sagte ich.

 

»Na und?!« Sheila lachte. »Das wird lustig!«

 

»Aha«, machte ich zweifelnd. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es da drin besonders lustig zuging.

 

»Mir ist kalt«, jammerte Sheila, »und ich bin patschnass.«

 

Nass war ich auch. Dicke Regentropfen prasselten auf meine Stirn. Mein Mantel hatte sich vollgesogen wie ein Schwamm. Von meinen Füßen ganz zu Schweigen.

 

Hätte ich gewusst, dass ich diesen Abend so verbringen würde, hätte ich mich anders angezogen. Ich trug offene Pomps mit zehn Zentimetern Absatz und ein hauchdünnes, rotes Abendkleid. Mein Cashmere-Mantel war zwar sagenhaft weich und kuschelig, aber kein bisschen wasserdicht. Das war eindeutig nicht das richtige Outfit für … das hier.

 

Wir befanden uns in einer bunten, lauten Straße mitten im Amüsierviertel der Stadt. Zwar war ich noch nie in dieser Gegend gewesen, aber man las und hörte viel darüber in den Nachrichten.

 

Nichts Gutes, versteht sich.

 

Es war grell, es war eng und es war schmutzig. Auf dem Boden lagen durchgeweichte Papierfetzen, Scherben, Zigarettenstummel. Meine Zehenkuppen waren schon ganz schwarz.

 

Der Großteil der Besucher war männlich und total betrunken. Überall wurde gegrölt, geschrien, gestritten, geschubst. Zwischendrin versuchten ein paar Türsteher für Ordnung zu sorgen. Von der Polizei war weit und breit nichts zu sehen. Die kamen nur hierher, wenn sie unbedingt mussten. Sheila und ich wussten das. Und genau deswegen waren wir hier.

 

Aber wir wussten auch, dass dies keine Gegend war, in der sich zwei junge Frauen allein herumtreiben sollten. Vor allem nicht um diese Uhrzeit. Es war schon kurz nach 2 Uhr.

 

»Bitte!«, bettelte Sheila.

 

Mit ihren großen blauen Kulleraugen sah sie mich an. So bekam sie mich jedes Mal rum. Dabei hätte mir klar sein müssen, dass meine beste Freundin im betrunkenen Zustand keine gute Ratgeberin war.

 

Ich seufzte leicht.

 

Der Zutritt des Dollhouse war von einem roten Samtvorhang gegen neugierige Blicke abgeschirmt. Links und rechts der Tür standen bullige Typen.

 

»Meinst du, dass die uns überhaupt reinlassen?«, fragte ich. »Ich meine, wir sind nicht gerade deren Zielgruppe, schätze ich.«

 

»Ich mach das schon«, sagte Sheila und torkelte dann auf die beiden Typen zu.

 

Ich ging ihr hinterher. Vor allem weil ich wusste, dass sie nicht mehr so ganz zurechnungsfähig war. Natürlich hatte ich auch getrunken. Mehr als ich vertrug. Aber die Kälte, der frische Regen und der halbstündige Marsch quer durch die Stadt hatten mich wieder klarer im Kopf werden lassen.

 

»Hey ihr Süßen«, sprach Sheila die Typen an. Beide waren mindestens 100 Kilo schwer. Und als süß hätte ich sie nicht bezeichnet. Eher ein bisschen gruselig. Aber Sheila fragte weiter: »Na, ist da drinnen noch Platz für uns zwei?«

 

Die Türsteher musterten Sheila. Anscheinend gefiel ihnen, was sie da sahen.

 

»Für dich ist der Eintritt sogar frei, Schätzchen«, sagte einer der beiden und grinste widerlich.

 

Während Sheila schon reingehen wollte, fasste ich sie am Arm.

 

»Was ist das für ein … Club?«, wollte ich von den Typen wissen.

 

Die beiden wechselten Blicke. Dann lachten sie.

 

»Ein Club, in dem ihr sehr willkommen seid«, antwortete nun der andere und lachte. Beide Schneidezähne fehlten.

 

Ich erwiderte sein Lächeln nicht. Sheila zerrte an mir. Und ich hätte wirklich einiges für trockene Füße gegeben. Also gab ich nach.

 

»Danke«, hauchte ich und huschte hinter Sheila hinein.

 

 

 

Innen schlug mir schwüle Luft entgegen, die nach Schnaps und Zigaretten roch. Es wurde wärmer, das Licht schummriger. Durch einen schwarzen Gang gelangte man in den Hauptraum dieses … Etablissements.

 

Es handelte sich offenbar um einen Strip-Club. Und er war wirklich gigantisch.

 

Mindestens 500 Leute, nun Männer, genossen die Show. Auf einer Bühne weiter vorne räkelte sich eine spärlich bekleidete junge Frau vor einer Horde sabbernder Typen. Ein Podest weiter links wurde von einer blonden Schönheit dazu genutzt, ihren nackten Busen dem Publikum zu präsentieren.

 

Die Bedienungen, die auf ihren hochhackigen Schuhen herumliefen, waren ausschließlich weiblich und … nun ja, sehr attraktiv. Sie trugen enge, schwarze Kleidchen mit pinker Spitze am Saum. Und diese Kleidchen waren so kurz, dass sie diese Bezeichnung eigentlich gar nicht verdienten.

 

Grelle Scheinwerfer irrlichterten durch den dunklen Raum. Es lief basslastige, hämmernde Musik. Unterlegt mit sanften Frauenstimmen, die eher nach Bettgeflüster als nach Gesang klangen. Und sie war so laut, dass ich die Vibration im ganzen Körper spüren konnte.

 

Aus einer Ecke wandten sich uns irgendwelche schmierigen Typen zu.

 

Schnell kehrte ich mein Gesicht ab, zog Sheila hinter mir her und suchte uns eine ruhigere Stelle. Ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals so viele besoffene, enthemmte Männer an einem Ort gesehen zu haben. Und wir waren mittendrin.

 

»Die Musik ist echt sweet«, schnurrte Sheila und begann sich im Takt zu wiegen.

 

Damit zog sie noch mehr Blicke auf sich. Anscheinend waren wir an diesem Ort die einzigen Frauen, die hier nicht ihrer Arbeit nachgingen.

 

»Kann sein. Aber wir sollten trotzdem gehen«, erwiderte ich und schaute mich verstohlen um. Von allen Seiten drehten sich Männer nach Sheila um.

 

Doch meine Freundin fand anscheinend, ich würde mich anstellen. Sie zwinkerte irgendeinem der Kerle zu.

 

»Ich will noch bleiben!«, sagte sie lachend und funkelte in die Menge hinein. »Ein paar von denen sind doch echt süß!«

 

Mir war nicht danach, das Angebot zu begutachten.

 

»Komm«, drängelte ich sie. »Die sind doch alle total zugedröhnt.«

 

»Und? Das bin ich auch!«, lachte Sheila und ließ ihre Hüfte noch eleganter kreisen. Dann zog sie sich auch noch langsam, ganz sachte, ihren Mantel von den Schultern.

 

Ich packte sie fest am Arm.

 

»Sheila!«, zischelte ich. »Die Typen denken noch, du bist eine Professionelle!«

 

»Entspann dich, Hanna!«, erwiderte Sheila. Dabei sah sie mich nicht einmal an. Stattdessen flirtete sie lieber mit irgendeinem von diesen liederlichen Kerlen.

 

Das hier war eine dumme Idee gewesen. Ich hatte mich überreden lassen. Aber ich war alt genug, um zu wissen, dass es so enden würde.

 

Sheila war wie ich. Sie suchte so sehr nach Spaß, nach Freiheit und all dem, dass sie manchmal die Grenzen vergaß. Das Problem war nur, dass sie um einiges mutiger war als ich. Eigentlich mochte ich das an ihr. Mit ihr wurde es nie langweilig. Aber diese Situation war mir einfach nicht geheuer.

 

Plötzlich lief mir ein Schauer über den Rücken.

 

Trotz der Hitze stellten sich mir die Härchen an den Armen auf.

 

Ich spürte, ganz deutlich, dass ich beobachtet wurde.

 

Vorsichtig drehte ich mich um.

 

Im dämmrigen Licht erkannte ich einen Mann. Etwa 30 Schritt entfernt. Er saß in einem abgetrennten, erhöhten Bereich, in dem Ledersofas standen. Von dort konnte man den ganzen Club überblicken.

 

Doch was auf der Bühne geschah, interessierte ihn nicht.

 

Stur sah er zu uns hinunter. Und es ließ ihn völlig kalt, dass ich das bemerkt hatte. Er fixierte uns …so als wären wir keine Menschen, sondern irgendwelche … Dinger.

 

Doch ich schaffte es nicht, mich abzuwenden. Sein Blick war so unnachgiebig, hart, dominant.

 

Keine Frage, dieser Mann war es nicht gewohnt, um irgendetwas bitten zu müssen.

 

Ganz steif stand ich da und musterte ihn.

 

Er war älter als ich. Etwa Mitte 20, vielleicht auch schon 30. Die Farbe seiner Augen konnte ich nicht erkennen, aber sie waren düster und geheimnisvoll.

 

Alles an ihm wirkte so unbeschreiblich männlich: seine tiefsitzenden, dichten Brauen, seine gerade, kantige Nase, die flachen Wangenknochen, der breite, markante Kiefer. Sein Hals war tätowiert. Eine tiefe Narbe zog sich quer über die Stirn, die rechte Schläfe hinab und verschwand hinter dem Ohr.

 

Es passierten zwei verrückte Dinge mit mir. Zwei Dinge, die gar nicht zusammenpassten:

 

Mein Inneres krampfte sich auf angenehme Weise zusammen.

 

Und mein inneres Alarm-System sprang an.

 

Dieser Mann war gefährlich, das spürte ich. Mit jeder Faser meines Körpers konnte ich wahrnehmen, dass ich ihm nicht zu nahe kommen durfte.

 

Aber ich schaffte es doch nicht, ihn einfach zu ignorieren. Er war einfach so präsent, so … intensiv.

 

Mein Blick glitt tiefer. Seine Lippen waren überraschend sinnlich und voll. Der Dreitagebart auf seinen schmalen Wangen glänzte so rabenschwarz wie sein kurzes Haar.

 

Plötzlich hob er die Hand. Nur knapp.

 

Ich schreckte so heftig zusammen, dass etwas in meinem Nacken laut knackte.

 

Doch dieses Handzeichen galt nicht uns.

 

Sofort kam eine der Animierdamen zu ihm gelaufen. Sie sah aus wie eine billige Dolly Parton-Kopie. Ganz tief neigte sie sich zu ihm hinunter. Ihr großer Busen quoll über den Riesenausschnitt ihres … Kleidchens.

 

Er sagte etwas zu ihr. Aber dabei hörte er nicht damit auf, uns zu beobachten. Kurz darauf schaute auch die Frau zu uns hinunter. Sie begutachtete erst Sheila, dann mich und wandte sich ihm wieder zu.

 

Anscheinend redete sie kurz mit ihm. Schließlich nickte er und die Frau verabschiedete sich lächelnd. Während sie von der Empore hinabstieg, warf sie uns einen kritischen Seitenblick zu. So als hätten wir sie verärgert.

 

Mit schwingendem Po ging sie davon.

 

Nein, ich fühlte mich hier kein bisschen willkommen.

 

Mein Herz pochte fester.

 

Endlich wandte ich mich ab. Es war höchste Zeit, von hier zu verschwinden.

 

Doch gerade als ich Sheila endlich überzeugen wollte, tauchte eine Gruppe Männer vor uns auf. Sie hatten nur Augen für Sheila. So war es immer.

 

Meine beste Freundin war groß und blond und vollbusig. Ich war genau das Gegenteil.

 

Schon damals auf der Schule waren alle Jungs in sie verliebt gewesen. Nun waren die Jungs zu Männern geworden und die erhofften sich mehr als nur einen schüchternen Kuss hinter dem Schulgebäude.

 

»Was haben wir denn hier?«, raunzte einer der Typen und musterte Sheila von oben bis unten. Er schien sehr angetan. Sein rasierter Kopf glänzte feucht. »So was Hübsches hab ich ja noch nie gesehen.«

 

»Ich war ja auch noch nie hier«, erwiderte Sheila kichernd und posierte vor den Typen.

 

»Klar. Das hätte ich bemerkt.« Der Anführer der Truppe war bestimmt schon fast 40 und er sah aus, als würde er jeden Tag in solchen Clubs rumhängen. »Willst du ein bisschen tanzen, Mädchen?« Er begann mit der Hüfte zu stoßen. Es sah aus wie eine Trockenübung. Seine Freunde lachten.

 

Das reichte!

 

Ich lehnte mich vor.

 

»Wir wollen gleich gehen«, sagte ich entschieden.

 

»Sei doch nicht so eine Spaßbremse!«, widersprach Sheila.

 

»Genau!«, protestierte auch der Glatzkopf. »Mit dir hat keiner geredet.«

 

»Sie redet auch nur mit dir, weil sie nicht mehr weiß, wo oben und unten ist«, sagte ich frech und verschränkte demonstrativ die Arme.

 

Sheilas Bewunderer bedachte mich mit einem abfälligen Grinsen. Er kam mir so nahe, dass ich die Luft anhielt. Sein übler Atem schlug mir entgegen. »Warum gehst du nicht zur Bar und bestellst dir ein Glas Wasser, hm? Dann können wir hier unseren Spaß haben.«

 

Ich wollte gerade etwas erwidern, aber dann wich der Typ plötzlich zurück. Auch seine Freunde waren mit einem Schlag ganz ruhig. Keiner bewegte sich noch.

 

Es war, als hätte plötzlich die Zeit angehalten.

 

Sie alle fixierten einen Punkt, der sich irgendwo hinter mir befinden musste.

 

Zögernd sah ich mir über die Schulter.

 

Der Mann auf der Empore war aufgestanden. Er strich sein enges, weißes Hemd glatt. Dann kam er direkt auf uns zu.

 

 

 

2

 

 

 

 

 

 

 

Sein Gang strotzte nur so vor Selbstbewusstsein. Ich war außerstande mich abzuwenden. Es war, als hätte er mich gefangen. Aber vielleicht war es auch nur so, dass ich nicht wegsehen wollte.

 

Seinen Feind behielt man besser im Auge …

 

Nun ließ ich meinen Blick noch tiefer gleiten. Als ich seine Hände betrachtete, stockte ich. Sie waren groß und stark. Auch sie waren von Tätowierungen übersät.

 

Scheu begutachtete ich seine beeindruckende Gestalt. Er war groß, athletisch, muskulös. Unglaublich groß. Als er schließlich vor uns stehenblieb, musste ich den Kopf in den Nacken legen, um in sein Gesicht sehen zu können.

 

»Gibts ein Problem, Schneewittchen?«, sprach er mich an. Seine Stimme war ein dunkles Raunen. So durchdringend, dass es selbst die laute Musik mühelos übertönte. Er lächelte nicht. Nein, er fixierte mich bohrend. So als wollte er unbedingt herausfinden, was wir hier verloren hatten.

 

Wer zum Teufel war er? Warum sprach er ausgerechnet mich an?

 

War er ein Rausschmeißer oder ein Freund von diesen ekligen Typen?

 

Beim Wort ›Schneewittchen‹ zögerte ich. Ja, ich hatte dunkelbraunes Haar und ja, ich hatte helle, fast schneeweiße Haut. Langsam sah ich an mir hinab. Mein Mantel war einen Spalt weit geöffnet. Darunter blitzte mein tiefrotes Abendkleid hervor. Zögerlich zog ich den durchnässten Stoff enger um mich.

 

Plötzlich begann er zu lächeln. Es war ein raubtierhaftes Lächeln. So als könnte er mich mit einem Happs auffressen.

 

»Du siehst aus, als wärst du hier falsch«, sagte er mit einem warmen Unterton in der Stimme.

 

Ich wollte etwas sagen. Doch meine Stimme war belegt. Ich musste mich räuspern. Und daraufhin wurde sein Lächeln noch breiter.

 

»Wir wollten nur … aus dem Regen raus«, erwiderte ich zaghaft.

 

»Tja, das hast du ja schon mal geschafft«, sagte er und legte den Kopf schief.

 

Anscheinend amüsierte ich ihn. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Es war so offensichtlich, dass ich hier nicht hingehörte.

 

Schließlich machte er »Mh« und nickte. So als hätte er sich damit abgefunden, dass ich nun mal hier war.

 

Dann streckte er den Arm aus.

 

Instinktiv wich ich zurück. Jede Faser meines Körpers war angespannt. Mein natürlicher Instinkt sagte mir, dass dieser Mann alles andere als harmlos war.

 

Nun lachte er leise. Es klang wie ein Knurren.

 

»Sind diese Herren dir zu nahe gekommen?«, fragte er und deutete genau auf den Glatzkopf. Dieser machte augenblicklich noch einen weiteren Schritt zurück und hob dann besänftigend die Hände.

 

Auch Sheila hatte sich umgedreht. Offensichtlich gefiel ihr, was sie sah. Sie musterte den Mann vor mir von oben bis unten. Dann biss sie sich auf die Unterlippe und sah sehnsüchtig zu ihm auf.

 

Keine Frage, er war genau ihr Typ. Aber wahrscheinlich traf das auf so ziemlich jede Frau zu.

 

»Noch nicht«, antwortete ich leise. Eigentlich war ich nicht so leicht einzuschüchtern. Aber er hatte so eine Wirkung auf mich. Ich wusste einfach, dass man diesen Mann besser nicht provozieren sollte.

 

»Ok.« Er nickte knapp. Dann taxierte er Sheilas Anhängerschaft. »Das sind anständige Mädchen«, erklärte er. »Benehmt euch.«

 

Die Kerle waren plötzlich ganz kleinlaut. Keine Ahnung, wer er war. Aber anscheinend war er in dieser … Szene kein Unbekannter. Ich befürchtete, mein Bruder und mein Vater würden das ein oder andere Detail über ihn berichten können.

 

Schließlich wandte er sich wieder an mich. »Was willst du trinken?«, fragte er.

 

So irritiert wie ich war, brauchte ich einen Moment, um ihm zu antworten. Ich konnte mich nicht daran erinnern, ihn irgendwie zu dieser Frage verleitet zu haben. Oder ging er einfach davon aus, dass jede Frau etwas mit ihm trinken wollte?

 

Als ich dann endlich meine Stimme wiedergefunden hatte und ein krächzendes »Äh, ich w...« rausbrachte, unterbrach Sheila mich von hinten.

 

»Prosecco, Baby!«, japste sie. Dann hatte sie sich auch schon seinen Arm geschnappt.

 

Etwas irritiert sah er auf sie hinunter. Aber er sagte nichts, sondern brachte uns zu einer der Theken.

 

»Für Prosecco seid ihr hier falsch???«, erklärte er.

 

Während ich an seiner Seite ging, hielt ich gehörigen Abstand. Aber die ganze Zeit über betrachtete ich ihn verstohlen. Dieser Mann war definitiv süß. Wobei süß vielleicht nicht ganz das richtige Wort war. Eher gefährlich attraktiv.

 

Ich musterte die Tätowierungen auf seinem breiten Hals. ???watch your back. Ready for you feels like home

 

Er winkte den Barkeeper heran. Und dieser kam sofort herbeigelaufen. Kurz darauf reichte er uns drei Gläser. In meinem befand sich eine hellbraune Flüssigkeit. Auf jeden Fall irgendetwas Hochprozentiges.

 

»Danke«, sagte ich leise.

 

Darauf erwiderte unser Gönner nichts. Stattdessen leerte er sein Glas in einem Zug.

 

Ich schnupperte. Schon vom Geruch wurde mir schwindelig. Vorsichtig nippte ich. Das Zeug brannte wie das Höllenfeuer.

 

Er neigte sich zu mir hinunter.

 

»Nicht dein Geschmack«, raunte er mir ins Ohr. Meine Nackenhärchen bekamen eine Gänsehaut. Seine Wange war so dicht an meiner, dass ich seine Körperwärme spüren konnte. Und dann stieg mir sein betörender Duft in die Nase. Ich sog den Geruch tief ein. Es war berauschend.

 

Ich schluckte schwer.

 

»Doch«, japste ich. Normalerweise war ich gesprächiger. Weniger einsilbig. Und sehr viel deutlicher. Aber ihm gegenüber getraute ich mich kaum, auch nur einen Ton von mir zu geben.

 

»Gut«, erwiderte er lächelnd. Er wich ein Stück zurück, schaute mir intensiv in die Augen und richtete sich schließlich wieder auf.

 

Langsam nahm ich einen weiteren Schluck. Dann noch einen etwas größeren. Meine Kehle war wie betäubt.

 

Sheila war da nicht so empfindlich. Sie kippte ihren Drink runter, knallte das leere Glas auf den Tresen und fächelte sich Luft zu.

 

Mir aber sah man an, dass ich so starkes Zeug nicht gewöhnt war. Ihn schien das zu belustigen.

 

»Wie heißt du?«, wollte er wissen.

 

Meinen echten Namen wollte ich ihm nicht sagen. Ich vertraute ihm kein bisschen. Ich hätte ihm alles zugetraut.

 

Zum Beispiel hätte ich diesen Drink nie angenommen, hätte ich beim Einschenken nicht genau nebenan gestanden. Vielleicht war er ja ein Typ, der sich Frauen mit K.O.-Tropfen gefügig machte. Allerdings hatte er solche Hilfsmittel vermutlich nicht nötig. Es gab fraglos zahllose Frauen, die absolut freiwillig für ihn die Beine breit gemacht hätten. Aber das änderte nichts daran, dass er mir Angst machte.

 

»Äh … Kate«, stieß ich hervor und blinzelte nervös.

 

»Ah«, machte er kehlig. Offenbar glaubte er mir nicht. Nun musterte er mich von oben bis unten. Und es schien ihm zu gefallen, was er da sah. Sehr zu gefallen. »Und was genau hast du dort draußen im Regen gemacht, Kate

 

»Wir waren … einfach unterwegs«, erklärte ich und blinzelte zu ihm hinauf. Ich spürte Sheilas bohrende Seitenblicke. Und ich wünschte mir sehnlichst, sie würde den Mund halten.

 

»Läufst du weg? Oder suchst du nach etwas?« Sein Blick verriet, dass er sich sicher war, dass es eines dieser beiden Dinge sein musste.

 

Zögernd schüttelte ich den Kopf. »Wir wollten wirklich einfach nur … Spaß haben«, antwortete ich. Dann lächelte ich harmlos. »Wie ist Ihr Name?«

 

»Mio.«

 

Ich nickte. Interessanter Name. Außergewöhnlich. So wie dieser Mann.

 

»Mio ist doch kein richtiger Name«, sagte Sheila von der Seite. Sie taumelte leicht, als er auf sie hinuntersah.

 

»Kann schon sein. Aber ich bin ein richtiger Mann«, antwortete er kühl, fast etwas bedrohlich. Schließlich wandte er sich wieder an mich. »Kommst du von hier?«

 

Mir blieb die Luft weg. Rasch schaute ich auf das Glas in meinen Händen hinunter. Er sollte meine Panik nicht bemerken. »Ähm«, stammelte ich, »ja. Das heißt, eigentlich nein. Ich … äh, besuche jemanden. Das heißt, wir beide. Wir studieren eigentlich. Mh, woanders …« So weit, so falsch …

 

Mios Blick war prüfend. »Auf jeden Fall seid ihr zufällig hierher geraten«, schloss er aus meinen Worten – und wohl auch aus meinem unsicheren Benehmen. Er nickte in den Raum hinein. »Das hier ist nicht gerade das beste Viertel der Stadt.«

 

Mit einem schwachen Lachen entgegnete ich: »Das haben wir schon bemerkt.«

 

Nun kniff er die Lider zusammen. »Manchmal verschwinden Frauen von hier«, erklärte er. Warnend fügte er hinzu: »Und manchmal tauchen sie nie wieder auf.«

 

Ich umklammerte mein Glas so fest, dass meine Fingerkuppen ganz taub wurden. »Verstehe«, flüsterte ich.

 

»Gut«, sagte Mio düster.

 

Doch Sheila war zu betrunken, um die tiefer liegenden Schwingungen wahrzunehmen. »Da Sie meine Mittänzer ja vergrault haben, könnten Sie ja mit mir tanzen«, schlug sie vor.

 

»Das willst du nicht. Ich bin ein wirklich mieser Tänzer«, erklärte er und schob seine Hände in die Hosentaschen.

 

»Kann ich mir gar nicht vorstellen«, flötete Sheila und musterte ihn begehrlich.

 

»Ich will gar nicht wissen, was du dir gerade vorstellst«, sagte Mio mit einem unverschämten Lächeln. Dann funkelte er mich vielsagend an. »Sie ist also deine Freundin.«

 

»Meine beste Freundin«, antwortete ich grinsend.

 

Sheila zog eine Schnute. Anscheinend fühlte sie sich ausgeschlossen. Schließlich deutete sie zur Tanzfläche. »Dann gehe ich eben allein.«

 

»Ich komm mit!«, rief ich ihr nach.

 

»Keine Sorge. Hier ist sie sicher«, versprach Mio mir, so als liege das in seiner Hand.

 

Nachdenklich runzelte ich die Brauen. »Sie scheinen sich hier ja ziemlich gut auszukennen«, murmelte ich.

 

Darauf wollte er offenbar nicht näher eingehen. »Es ist eher so, dass viele hier mich mittlerweile ganz gut kennen.« Mit einem verwegenen Lächeln nickte er mir zu. »Du hast gesagt, du studierst.«

 

»Oh, ich … äh«, stammelte ich. Irgendwie befürchtete ich, die Wahrheit würde ihm nicht gefallen. »Äh, Soziologie«, log ich.

 

»So.« Wieder musterte er mich so verdammt eingängig. »Ich hätte ja eher auf Medizin getippt. Oder Jura.«

 

Womit er auch viel richtiger gelegen hätte …

 

»Warum das?«, lachte ich heiser.

 

»Na ja«, raunte er in seine Betrachtung versunken, »du siehst brav aus. Wie Daddys kleines Mädchen. Und alle Väter wollen doch, dass aus ihren Kindern mal etwas Anständiges wird, oder?« Sein Unterton war voller Spott. Aber ich war mir nicht so sicher, ob das mir galt. Er schien sich eher über das Wort anständig zu amüsieren.

 

»Sie denken wohl, Sie wären ein guter Menschenkenner«, sagte ich zögernd.

 

»Ja.« Er nickte entschieden. Sein Blick war durchdringend wie ein Röntgenstrahl. »Und das bin ich ganz ohne Studium.«

 

Was genau er arbeitete, wollte ich eigentlich nicht wissen. Unwillkürlich glitt mein Blick zu seinen tätowierten Handknöcheln. Damit hätte er definitiv nicht in der Chefetage einer anständigen Firma sitzen können. Ganz egal, ob er studiert hatte oder nicht.

 

Mit einem schiefen Grinsen nickte er auf das noch immer halbvolle Glas in meinen Händen hinunter. »Du kannst mir einfach sagen, was du lieber hättest«, sagte er.

 

»Ich bin sowieso nicht so durstig«, erwiderte ich und zuckte dann die Achseln.

 

Die Wahrheit war, ich wusste nicht, ob das hier richtig war.

 

Sollte ich wirklich mit ihm hier stehen und mir Drinks spendieren lassen? Sollte ich überhaupt mit ihm reden? Klar, ich kannte ihn nicht. Aber einer Sache war ich mir absolut sicher: Er und ich kamen aus ganz anderen Welten.

 

Tatsache war, Mio war keiner dieser etwas schüchternen, strebsamen, gut erzogenen Jungs, mit denen ich normalerweise zu tun hatte. Sein Auftreten, sein Aussehen, seine ganze Art machten mir klar, dass er jemand war, der alles dafür tat, um zu bekommen, was er wollte. Und ich bezweifelte, dass er sich allein mit Reden durchzusetzen pflegte.

 

Keine Ahnung, was er sich hiervon versprach.

 

Dachte er etwa, ich würde mit ihm ins Bett steigen, nur weil er nett zu mir war? Das würde ich garantiert nicht. Aber so oder so wollte ich nicht in seiner Schuld stehen.

 

Mio nickte wieder. Lachfältchen umrahmten seine Augen. Aber es war kein echtes Lächeln. Es schien eher so, als lachte er über meine Antwort. So als wüsste er genau, was in mir vorging.

 

Plötzlich tauchte ein bulliger Typ in schwarzem Anzug hinter Mio auf. Offenbar ein Sicherheitsmann. Er blickte erst Mio, dann mich neugierig an.

 

Mio hatte ihm den Rücken zugedreht, aber an meinem Gesichtsausdruck war leicht zu erkennen, dass da etwas hinter ihm vor sich ging. Langsam drehte er sich um.

 

Wenn Mio nicht einmal in diesem Club ein gerne gesehener Gast war, dann wollte ich gar nicht wissen, was er alles auf dem Kerbholz hatte. Zu meiner Überraschung war der Sicherheitsmann aber nicht hier, um nach dem Rechten zu sehen.

 

»Boss«, sprach er Mio an und fixierte mich zweifelnd.

 

Mio verstand. Ich sollte anscheinend nicht erfahren, um was es ging.

 

»Entschuldige mich einen Moment«, fragte er mit einem charmanten Lächeln und ging dann zu dem Sicherheitsmann hinüber.

 

Die beiden redeten kurz. Dann hielt Mio inne. Ich konnte sehen, wie er die Kiefer aufeinander presste. Er wirkte angespannt. Knapp sah er sich nach mir um.

 

»Ich bin gleich wieder da«, ließ er mich wissen. Und er war sich offenbar absolut sicher, dass ich auf ihn warten würde.

 

»Ok«, hauchte ich.

 

Nachdenklich sah ich den beiden hinterher. Sie gingen zu einer Tür weiter hinten, auf der Staff only stand. Dahinter verschwanden sie.

 

Zu gerne hätte ich gewusst, was sie wohl zu bereden hatten. Aber dann überlegte ich, dass es wohl besser wäre, ich würde es nie erfahren.

 

Das war der richtige Moment, um wirklich endlich zu gehen.

 

 

 

3

 

 

 

 

 

 

 

Ich stellte mein Glas auf dem Tresen ab, dann schlängelte ich mich Richtung Tanzfläche. Dort stellte ich mich auf die Zehenspitzen, um nach Sheila Ausschau zu halten. Aber ich war auch dann noch mindestens einen halben Kopf kleiner als der Rest der Gäste.

 

»Kann ich dir helfen?«, hörte ich plötzlich jemanden neben mir fragen. Der Geruch nach Fusel stieg mir in die Nase.

 

Direkt neben mir stand ein junger Mann. Etwa mein Alter. Ein Sonnyboy offenbar. Und total neben der Spur. Sein Blick war glasig, sein Gesicht kreidebleich. Er hatte sich richtig schick gemacht mit seinem offenstehenden, violetten Hemd und der knallengen, weißen Hose.

 

»Nein«, antwortete ich stur und wandte mich ab.

 

»Hey Mädchen«, sprach er mich wieder an und klang nun um einiges aggressiver, »sei mal nicht so arrogant! Ich wollte nur ein bisschen reden, ok?«

 

Zornig blitzte ich ihn an. »Ich will aber nicht reden.«

 

»Hab ich dir irgendwas getan?« Er lachte empört und schüttelte über mich den Kopf. So als hätte ich ihm großes Unrecht angetan.

 

»Lassen Sie mich einfach in Ruhe«, fauchte ich ihn an. Doch gerade als ich mich abwandte und weitergehen wollte, spürte ich seine warme, feuchte Hand an der Schulter.

 

Dann ging alles blitzschnell.

 

Ich riss mich los.

 

Er jagte mir nach.

 

Und ein riesiger, massiger Kerl warf sich dazwischen.

 

»So, das wars für dich, Junge!«, schrie der Hüne den Blonden zusammen. Ein Sicherheitsmann offenbar. Er hatte ihn im Genick gepackt und verfrachtete den aufdringlichen Sonnyboy unsanft Richtung Tür.

 

Dieser protestierte heftig, trat um sich, und rief, er hätte doch nichts getan. Aber das ließ den Aufpasser nur noch grober werden.

 

Noch immer verdattert stand ich da und schaute den beiden nach.

 

Erst allmählich fiel mir auf, dass diese Sache nicht unbemerkt geblieben war. Um mich herum hatte sich eine Traube gebildet. Von allen Seiten wurde ich angestarrt, abgecheckt. Ich bekam langsam echte Panik.

 

Ob es hier wohl genug Sicherheitspersonal gab, um all diese Typen fernzuhalten?

 

Ganz klar. Wir mussten hier weg.

 

Wenn ich doch nur Sheila endlich finden würde …

 

In ihrem Zustand war sie für diese notgeilen Kerle leichte Beute!

 

Doch egal wie sehr ich mich anstrengte, ich fand sie einfach nicht. Einmal umrundete ich die Tanzfläche, doch nirgends war sie zu sehen. Dann beschloss ich die Toiletten nach ihr abzusuchen.

 

Die Damenklos waren perfekt in Schuss. Nun, sie wurden ja auch nicht oft benutzt. Und von Sheila auch hier keine Spur.

 

Als ich dann wieder in den Hauptraum kam, raubte mir die verqualmte Luft fast den Atem. Meine Augen brannten von dem ganzen Rauch. Mit zittrigen Fingern kramte ich mein Smartphone raus und wählte Sheilas Nummer.

 

Während ich nervös dem Tuten lauschte, entdeckte ich plötzlich Mio. Er befand sich wieder im Gästebereich. Zielstrebig ging er zu der Stelle hinüber, an der ich eben noch gestanden hatte. Dort sah er sich suchend um.

 

Mir wurde unwohl. Ich wünschte, Sheila und ich wären längst hier weg.

 

Rückwärts schob ich mich wieder in den Gang, der zu den Toiletten führte. Dort drückte ich mich in eine Ecke. Das Piepen des Freizeichens dröhnte in meinem Kopf.

 

»Shit!«, zischte ich, als dann die Mobilbox drangging. Die Nachricht, die ich ihr hinterließ, klang sehr dringlich: »Wo bist du hin, Sheila? Ich suche überall nach dir! Wir sollten jetzt wirklich gehen! Ich bin bei den Toiletten und warte da auf dich, ok? Ich …«

 

Mitten im Satz verstummte ich. Ich war nicht mehr allein. Jemand war auf der anderen Seite des Gangs aufgetaucht und versperrte mir den Rückweg. Ich konnte nur die Silhouette erkennen. Doch ich wusste sofort, dass es Mio war.

 

Langsam ließ ich mein Smartphone sinken.

 

 

 

4

 

 

 

 

 

 

 

»Alles ok, Schneewittchen?«, wollte Mio wissen.

 

»Nennen Sie mich nicht so!«, fuhr ich ihn an. »Nichts ist ok. Wo ist meine Freundin? Sie haben doch gesagt, Sie passen auf sie auf!«

 

»Ich habe gesagt, sie ist sicher. Das bedeutet nicht, dass ich ihr hinterherlaufe wie ein Schoßhund«, stellte er klar.

 

Für solche Spitzfindigkeiten hatte ich gerade keinen Kopf. »Wo ist sie?«, zischte ich. In meiner Aufregung vergaß ich sogar meine Furcht vor ihm.

 

Mio schnoberte leise, dann deutete er sich über die Schulter. »Ich bringe dich zu ihr.«

 

Ich wollte mich schon in Bewegung setzen, doch dann verharrte ich abrupt. Wieso zum Teufel sollte ich ihm trauen? Wer wusste schon, was er vorhatte?

 

»Kommst du?«, fragte er schulterzuckend, als er mein Zögern bemerkte.

 

Nachdenklich erwiderte ich: »Ist das hier … Ihr Club?«

 

»Ja.«

 

Aha.

 

Ich hatte es hier also mit einem Nachtclubbesitzer zu tun. Nicht gerade der beste Umgang. Von meinem Bruder und meinem Vater wusste ich nur zu gut, was diese Klientel so zum Zeitvertreib machte: Handel mit Rauschmitteln, illegalen Waffen und natürlich auch Prostitution.

 

Mir wurde erst kochendheiß, dann eisigkalt.

 

»Willst du da so stehenbleiben?«, fragte er hörbar amüsiert.

 

Ich schnappte nach Luft. Aber mir fehlten die Worte. Ich war so verzweifelt, dass ich sogar schon mit dem Gedanken spielte, meinen Bruder anzurufen.

 

»Was?«, sprach er mich wieder an. »Soll ich dich tragen?«

 

»Bleiben Sie weg!«, entfuhr es mir und ich streckte abwehrend die Hände aus.

 

Mio zögerte. Er tat, als benehme ich mich äußerst merkwürdig. »Ok«, sagte er knapp, »dann bleibst du eben hier.«

 

Mir war klar, dass Mio mir hier als einziger helfen konnte. Also rief ich ihm nach: »Wo ist Sheila?!«

 

Anscheinend nur widerwillig hielt er an. »Das hatten wir doch gerade eben«, seufzte er. Ziemlich gereizt fügte er hinzu: »Wie du ja schon erkannt hast, ist das mein Club. Denkst du, mir gefällt es, wenn hier irgendwelche Mädchen auftauchen und es Probleme gibt? Dann kommen die Cops und überprüfen alles und so weiter. Glaubst du, das will ich?«

 

Das war in der Tat einleuchtend. Zaghaft nickte ich. »Verstehe.«

 

»Nein, ich denke nicht, dass du das verstehst«, raunte er finster und verschränkte die Arme. »Das ist mein Fehler. Ich meine, dass ihr überhaupt hier seid. Die Typen vor der Tür sind testosterongesteuerte Idioten. Aber ich bezahle sie. Noch. Die hätten euch gar nicht erst reinlassen sollen.« Er deutete hinter sich. »Du siehst ja, was für ein abgefuckter Abschaum hier rumhängt. Denkst du, da habe ich auch noch Lust den Babysitter für zwei naive Girlies zu spielen? Ich habe Besseres zu tun.«

 

»Ist ja gut«, stieß ich hervor. »Bringen Sie mich einfach zu Sheila.«

 

Mio winkte mir ungeduldig zu.

 

 

 

Zu meiner Überraschung brachte er mich zu der Empore. Auf einem der Ledersofas fand ich Sheila. In den Armen irgendeines Kerls. Sie küssten sich wild. Er hatte die Hand unter ihren kurzen Rock geschoben.

 

Irritiert blieb ich stehen. Dann sah ich zu Mio auf, der mit einem ausdruckslosen Gesicht das Liebesspiel der beiden betrachtete. Als er meine vorwurfsvolle Miene bemerkte, hob er die Schultern.

 

»Was? Sie ist sicher, oder? Ich habe ja nicht behauptet, dass ich ihre Anstandsdame bin«, erklärte er nüchtern.

 

»Das nennen Sie sicher?«, japste ich. »Wahrscheinlich hat sie sich jetzt Hepatitis eingefangen und einen Tripper und Syphilis und was weiß ich

 

Mio schmunzelte mich schräg an. »Erstens, das ist mein Bruder, über den du da redest. Und zweitens, du weißt nicht viel über Geschlechtskrankheiten, oder?«

 

»Soll ich mich deswegen etwa schämen?!«, zischelte ich ihm entgegen, dann stürmte ich zu Sheila und packte sie am Arm. »Wir gehen jetzt!«, rief ich ihr zu.

 

Sheila blinzelte mich wie weggetreten an. Sie fuhr sich mit dem Unterarm über ihre feuchte Lippen. Ihr pinker Lippenstift war über das ganze Kinn verschmiert.

 

Der Kerl schien auch nicht gerade begeistert über diese Unterbrechung. »Hey, was soll das?!«, empörte er sich, aber beruhigte sich dann, als er Mio hinter mir sah. »Wir haben nur unseren Spaß!«, erklärte er seinem Bruder.

 

Darüber zuckte Mio mit den Achseln.

 

»Können Sie uns ein Taxi rufen?«, bat ich Mio, während ich Sheila dabei half, ihre Kleider zu richten. Ich hätte es ja selbst getan. Aber ich hatte keine Adresse und kannte mich hier kein bisschen aus.

 

»Kommt drauf an«, antwortete Mio geheimnisvoll.

 

Überrascht entgegnete ich: »Auf was?«

 

»Darauf, ob du mir deinen richtigen Namen verrätst.«

 

»Das habe ich«, sagte ich und schenkte ihm einen ärgerlichen Blick. »Haben Sie nicht gesagt, das hier wäre Ihre Schuld?«

 

»Ich sagte, ich habe einen Fehler gemacht. Das ist ein Unterschied«, erwiderte er völlig unbeeindruckt.

 

»Bitte«, brachte ich erstickt hervor.

 

Mio spitzte die Lippen, als müsste er sehr genau darüber nachdenken. Doch er kam nicht dazu, seine Entscheidung zu verkünden. Einer seiner Sicherheitsmänner stürmte auf die Empore.

 

»Draußen sind die Bullen, Boss«, sagte er angespannt.

 

Mio wurde mit einem Schlag absolut ernst.

 

Ich hingegen bekam einen Panikanfall.

 

»Was machen die hier?«, fragte ich mit bibbernder Stimme. »Suchen die nach jemandem?«

 

Verwundert drehte Mio sich mir zu. Er kniff prüfend die Lider zusammen. »Du hast Angst«, stellte er fest.

 

Ich hatte wirklich keine Zeit, das zu diskutieren. Eilig zog ich Sheila auf die Beine. »Wir müssen verschwinden! Die Polizei kommt!«

 

Das Wort Polizei ließ Sheila augenblicklich nüchterner werden. Sie rieb sich über die Augen.

 

»Was?«, stammelte sie.

 

»Das ist ja interessant«, hörte ich Mio hinter mir sagen. Er schien fast beeindruckt. »Warum laufen zwei Mädchen wie ihr vor der Polizei weg?«

 

»Das geht Sie nichts an!«, zischte ich und zog Sheila hinter mir her. »Und wir gehen jetzt endlich.«

 

»Ihr werdet den Bullen direkt in die Arme laufen«, sagte Mio seelenruhig. Mit einem selbstsicheren Lächeln entgegnete er meinen verschreckten Blick. Dann nickte er zu seinem Bruder hinüber. »Rigi bringt euch nach Hause. Ihr könnt den Hinterausgang benutzen.«

 

Noch immer sah ich zu ihm hinauf. Das Wort Danke lag mir auf den Lippen, doch ich schluckte es hinunter. Stattdessen ließ ich die Lider sinken und zerrte Sheila hinter mir her.

 

 

 

5

 

 

 

 

 

 

 

Rigi führte uns auf einen verlassenen Hinterhof direkt hinter dem Dollhouse. Der Lärm der Straße drang nur gedämpft heran. So schäbig diese Gegend war, so nobel waren die Luxuskarossen, die in Reih und Glied auf dem Parkplatz standen.

 

Zielstrebig ging Rigi zu einer schwarzen Limousine. Ein Audi A8. Er entriegelte die Tür und stieg als erster ein. Sheila und ich kletterten auf die Rückbank.

 

»Wo müsst ihr hin?«, fragte Rigi hastig, startete den Wagen und checkte die Situation im Rückspiegel. Mit quietschenden Reifen verließ er den Hof.

 

Im Gegensatz zu seinem Bruder war Rigi etwas kleiner, gedrungener und zumindest auf den ersten Blick hätte man ihn für einen ganz netten Kerl halten können. Er hatte ein jugendliches Gesicht mit blauen Augen und einem sympathischen Lächeln. Sein dunkelblondes Haar war verwuschelt. Er trug einen Bart, der ihm bis zum Kragen seines karierten Hemds reichte.

 

Natürlich wollte ich ihm nicht meine echte Adresse sagen. Aber mir war klar, dass wir hier weg mussten.

 

»Scottsdale «, sagte ich. Von dort aus konnten wir den Nachtbus nehmen.

 

»Alles klar.« Rigi trat heftig aufs Gas.

 

Ich versuchte mich zu beruhigen.

 

Sheila war bereits eingenickt. Sie würde morgen garantiert einen wirklich fürchterlichen Tag haben. Trotzdem beneidete ich sie. Sie war im Land der Träume und ich machte mir Sorgen.

 

Diese Geschichte konnte für uns beide ein ziemlich peinliches oder sogar gefährliches Nachspiel haben. Wie sähe das aus – ausgerechnet wir, an so einem Ort? Ich hoffte nur, dass uns niemals jemand auf die Schliche käme. Das Gute war nur: im Dollhouse hätte uns niemals jemand vermutet.

 

Ich schwor mir, dass ich nie wieder einen Fuß in so einen Laden setzen würde.

 

An den getönten Scheiben rannen Regentropfen hinab. Die Lichter der Straßenlaternen und Geschäfte spiegelten sich auf der klatschnassen Fahrbahn.

 

»Kennst du Mio schon länger?«, fragte Rigi von vorne. Neugierig spähte er mich durch den Rückspiegel an.

 

»Nein«, antwortete ich abweisend, »ich kenne ihn überhaupt nicht.«

 

»O«, machte Rigi verwundert und runzelte die Brauen. Offenbar hielt er das für sehr komisch.

 

»Warum fragst du?«, wollte ich wissen.

 

»Nichts, na ja, nur …« Wieder taxierte er mich im Rückspiegel. »Mio war sehr freundlich zu dir.«

 

Na, wenn er das schon freundlich nannte, dann wollte ich nicht wissen, wie Mio sich normalerweise verhielt.

 

»Ist wohl Ansichtssache«, murmelte ich.

 

»Wart ihr auf der Suche nach einem Job?«

 

Diese Frage war so unerwartet, dass ich einen Moment zögerte. »Nein«, antwortete ich abwehrend.

 

»Hätte ja sein können«, sagte Rigi. »Ich meine, bei uns tauchen häufiger mal irgendwelche Mädchen auf, die dringend Kohle brauchen.« Sein Blick glitt zu Sheila. »Sie würde bestimmt gutes Geld machen.«

 

»Das hat sie nicht nötig«, zischelte ich.

 

»Ach? Ihr scheint mir ja auch nicht gerade Ordensschwestern zu sein. Sonst würdet ihr ja wohl kaum vor der Polizei abhauen.« Rigi grinste breit.

 

Sollte er doch denken, was er wollte. Schweigend sah ich aus dem Fenster.

 

»Wie heißt die Kleine?«, fragte Rigi weiter.

 

»Violet«, log ich.

 

»Echt?« Rigi drückte die Brauen zusammen. »Ich dachte, sie hätte sowas wie … Shana oder Sheila oder Shannon gesagt.«

 

»Ein Wunder, dass du sie überhaupt verstanden hast, so betrunken wie sie ist«, erwiderte ich, um das Thema zu beenden.

 

»Ich habe ihr meine Nummer gegeben«, ließ Rigi mich wissen. »Vielleicht meldet sie sich ja mal.«

 

Garantiert nicht, dachte ich, sagte aber: »Ja, vielleicht.«

 

»Wie wärs damit: Du gibst mir ihre Nummer. Dann … na ja, kann nichts schiefgehen. So beschwipst wie sie ist, hat sie vielleicht was Falsches eingetippt.«

 

»Ich gebe keine Nummern ohne Einverständnis weiter«, sagte ich sehr entschieden.

 

»Nein?« Rigis Miene wurde misstrauisch. »Dann gib mir doch einfach deine Nummer.«

 

»Wie ich schon gesagt habe: Ich kenne euch nicht.«

 

Plötzlich lachte Rigi auf. Er schien sich prächtig zu amüsieren. Gackernd schüttelte er den Kopf.

 

»Was ist so lustig?«, fragte ich und versuchte nicht zu eingeschüchtert zu klingen.

 

»Ganz offensichtlich kennst du uns nicht. Sonst würdest du das nicht sagen«, lachte er.

 

Mir schnürte sich die Kehle zu. Wir passierten gerade den Chicago River. »Du kannst uns auch gleich da vorne rauslassen«, sagte ich leise. Ich wollte nur noch hier raus.

 

»Was? Warum?«, fragte Rigi von vorne. Sein Lachen wurde zu einem Grinsen. »Das war keine Drohung«, sagte er und hob die Brauen, wie um seine Unschuld zu beteuern. Da ich stumm blieb, erklärte er: »Es ist nur so: Mio wird herausfinden, wer ihr seid – wenn er das will. Er hat viele … Möglichkeiten.«

 

Wieder kroch eine unangenehme Hitze meinen Hals hoch.

 

»Er soll seine Möglichkeiten lieber woanders einsetzen. Das wäre nur Zeitverschwendung«, versicherte ich.

 

»Tja, das ist nicht meine Entscheidung.« Rigis Grinsen wurde bedrohlicher. »Und auch nicht deine

 

Wir hatten die Brücke hinter uns gelassen. »Halt einfach an«, bat ich ihn.

 

»Es sind noch zwanzig Minuten bis nach Scottsdale«, erklärte Rigi.

 

»Halt an, hab ich gesagt!«

 

Sachte trat Rigi auf die Bremse und fuhr auf den Seitenstreifen. Ich rüttelte Sheila wach und drängelte sie nach draußen.

 

Bevor ich die Tür zuschlug, hörte ich Rigi sagen: »Wir sehen uns bestimmt wieder.«

 

 

 

 

 

6

 

 

 

 

 

 

 

»Wo zum Teufel hast du gesteckt?!« Mein Bruder stand schwer atmend in der Tür.

 

Ich war noch total verschlafen und setzte mich blinzelnd im Bett auf. Es war noch keine acht Uhr und ich war erst um vier Uhr Zuhause angekommen. Hätte Ian mich nicht eben mit seinem Pochen an der Tür geweckt, hätte ich wohl bis Mittag geschlafen.

 

Doch mein Bruder war in dieser Hinsicht vollkommen rücksichtslos. Er war Polizist und sein Dienst endete nie. Er tat das nicht so sehr aus Pflichtgefühl, sondern für seine Karriere. Vor zwei Monaten war er zum Field Training Officer befördert worden. Mit 26 Jahren.

 

»Sheila und ich waren gestern … na ja, unterwegs«, erklärte ich mit belegter Stimme und strich mir mein Haar zurück. Ich trug meine Schlafklamotten. Ein weites Shirt, Unterhose, geringelte Strümpfe. Mein Bruder hingegen sah sie aus dem Ei gepellt aus. Das tat er immer.

 

»Aha. Bis um vier Uhr morgens«, sagte er scharf.

 

»Du hast doch … Mom und Dad nichts davon gesagt, oder?«, schob ich leise hinterher.

 

»Wovon gesagt?«, fragte er und zog die Brauen in die Stirn. »Davon dass ich dich bestimmt 100 Mal angerufen habe? Davon dass du auf keine meiner Nachrichten geantwortet hast? Davon dass ich deinetwegen 30 meiner Kollegen gesagt habe, sie sollen nach dir Ausschau halten?! Weißt du, wie dumm ich dastehe?! Ich soll 10 Millionen Bürger beschützen, aber ich schaffe es nicht einmal auf meine kleine Schwester aufzupassen!«

 

Ian war laut geworden. Aber zum Glück hörte ihn hier oben niemand außer mir.

 

»Was hast du ihnen gesagt?«, flüsterte ich.

 

Unwirsch stieß mein Bruder die Luft aus. »Nichts«, zischte er. »Ich hab für dich gelogen. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machen. Die beiden haben im Moment wirklich genug zu tun.« Ärgerlich schüttelte er den Kopf. »Ehrlich, Hanna, ich verstehe dich nicht. Du weißt doch, was für Probleme du damit verursachen kannst. Stell dir mal vor, jemand macht ein Foto von dir, wie du nachts durch irgendwelche Spelunken tingelst. Am besten noch mit einem Kerl im Arm. Und das landet dann im Internet. Jeder kann das sehen. Auch in zehn Jahren noch!«

 

»So war es nicht«, sagte ich. »Wir wollten einfach nur mal wieder Spaß haben. Ich lebe schon seit Monaten wie eine Nonne im Kloster.«

 

»Das hast du dir selbst zuzuschreiben«, erwiderte mein Bruder und musterte mich abschätzig. Dann schnalzte er mit der Zunge. »Ich muss los. Meine Schicht beginnt gleich.«

 

»Ok.« Ich nickte ihm traurig zu. »Sei vorsichtig.«

 

»Bin ich doch immer«, erwiderte er knapp und drehte sich um.

 

 

 

Eigentlich sollte ich wohl erleichtert sein. Aber ich fühlte mich einfach nur schrecklich.

 

Wahrscheinlich würde meine Familie mir mein Leben lang vorwerfen, mich wie eine ganz normale 17-jährige verhalten zu haben. Für meine Familie war normal leider etwas anderes als für alle anderen. Wenn meine Eltern normal sagten, dann bedeutete das tadellos.

 

Mein schlechtes Gewissen quälte mich es aus dem Bett.

 

Es war zwar Sonntag, aber ich hatte noch einiges für die Uni zu tun. Und wo ich ja schon mal wach war, konnte ich die Zeit auch nutzen.

 

Ich brauchte zwei Anläufe, bis ich endlich auf der Bettkante saß. Dann starrte ich auf meine Füße hinunter. Sie waren noch total schmutzig von der letzten Nacht. Sollte ich jemals wieder mitten in einem Regenschutt durch das heruntergekommenste Viertel der Stadt laufen, würde ich definitiv Gummistiefel anziehen.

 

Ich stockte. Dann huschte ein schmales Lächeln über meine Lippen.

 

Das war wirklich ein schräger Abend gewesen …

 

Mein Smartphone piepste. Ich lehnte mich zum Nachttisch und schnappte es mir. Eine neue Nachricht.

 

 

 

Boah!!! Ich hab einen Kater!, hatte Sheila mir geschrieben.

 

 

 

Mit einem müden Grinsen im Gesicht schrieb ich zurück: Tut mir leid, das zu sagen, aber: Das hast du verdient.

 

 

 

Vielleicht. Vielleicht nicht. Kann mich kaum noch an was erinnern, ließ sie mich wissen. Nur kurz darauf kam schon die nächste Nachricht: Hast du Zeit? Ich würde gerne reden.

 

 

 

Nur ganz kurz, okay?, schrieb ich zurück. Telefonate mit Sheila dauerten immer mindestens drei Stunden.

 

 

 

Ok, entgegnete sie und dann klingelte es auch schon.

 

 

 

Ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten, fragte sie: »Was ist mit dem Typ, der dich angegraben hat? Ich hoffe doch, du hast seine Nummer.«

 

Überrascht fragte ich: »Welcher Typ?«

 

»Na, dieser verdammt heiße Typ.«

 

»Ich dachte, du weißt kaum noch was.«

 

»Den habe ich nicht vergessen! Ich weiß noch, dass ich mich gefragt habe, wie er ohne sein Hemd aussieht Aber bei scheints da zu haken …«

 

»Alle wichtigen Details sind noch da«, sagte ich kichernd.

 

»Also? Hast du seine Nummer?«

 

»Natürlich nicht«, entgegnete ich und grinste schief. »Dieser Club gehört ihm übrigens.«

 

»Ach«, machte Sheila und klang ziemlich angetan. »Das heißt, er hat auch noch Geld.«

 

»Vor allem heißt das, dass er sein Geld mit Alkohol, Erotikshows und wahrscheinlich auch noch Prostitution verdient.«

 

»Klingt doch scharf«, flötete Sheila belustigt.

 

»Blödsinn«, erwiderte ich mit einem schrägen Grinsen.

 

»Ok, er ist nicht gerade der perfekte Kandidat«, gab Sheila endlich zu. »Jedenfalls nicht fürs Heiraten. Aber ich wette, im Bett ist er dafür umso besser.«

 

Unwillkürlich stieg ich in Sheilas Lachen ein. »Na, das werden wir nie herausfinden«, beendete ich das Thema.

 

»Zu Schade. Echt. Aber apropos Männer: Ich muss dir unbedingt was erzählen! Aber das kann auch bis Morgen warten! Ich geh mal wieder zum Klo.«

 

Ich musste lachen. »Mach das. Bis morgen, meine Beste.«

 

»Bis morgen, Schätzchen.« Sheila machte ein Knutschgeräusch und legte auf.

 

Ich kicherte leise, dann legte ich mein Smartphone weg und stand endlich auf.

 

Mein Weg führte mich direkt unter die Dusche. Und während ich mir die warmen Tropfen auf den Kopf prasseln ließ, dachte ich wieder an gestern Nacht. An den Regen. An die Hitze. An … diesen heißen Typen.

 

Plötzlich kam mir eine Idee.

 

Ich beeilte mich fertig zu werden und ging dann geradewegs wieder in mein Schlafzimmer. Mit meinem Laptop setzte ich mich aufs Bett. Mir wurde unerklärlich warm. Als meine Finger die Tastatur berührten, hielt ich inne.

 

Was genau machte ich da eigentlich? Was hatte ich vor? Was versprach ich mir davon?

 

Vielleicht war es so, dass ich einfach mehr über meinen Feind erfahren wollte. Womöglich machte er Rigis Drohung ja wahr und spionierte mir wirklich hinterher. Aber vielleicht wollte ich auch nur wissen, wie ehrlich er zu mir gewesen war.

 

Schließlich tippte ich rasch die Worte ›Chicago‹, ›Dollhouse‹ und ›Mio‹ ein und drückte auf Enter.

 

Google spuckte einige zehntausend Ergebnisse aus. Anscheinend war dieser Club sehr bekannt und beliebt – bei den entsprechenden Leuten. Aber ich fand nichts über Mio.

 

Kein Bild, keinen vollständigen Namen, keine Adresse.

 

Im Impressum der Homepage des Dollhouse war eine Finanzgesellschaft als Kontakt eingetragen. Auch das half mir nicht weiter.

 

Offenbar war Mio lediglich in seinen Kreisen bekannt: in der Unterwelt der Spielhöllen, Bordelle, illegalen Box Clubs, Drogenpubs und Hinterhof-Bars.

 

Ich ließ mich zurücksinken, seufzte leicht und klappte dann meinen Laptop zu. Schließlich drehte ich das Gesicht zum Fenster und schaute hinaus auf die Skyline der Stadt. Weit hinten im Norden lag der Hafen im Morgennebel.

 

Tja. Anscheinend war es sehr leicht, ihm aus dem Weg zu gehen. Solange ich nicht noch einmal im Dollhouse auftauchte – was ich wirklich nicht vorhatte – würde ich ihn nie wiedersehen. Das war gut.

 

Aber … Mio war nicht gerade leicht zu vergessen. Nur sehr selten hatte ein Mensch mich so beeindruckt wie er, wenn auch nicht unbedingt im positiven Sinne.

 

Wenn ich die Lider schloss, konnte ich ihn noch ganz deutlich vor mir sehen. Diesen großen, starken, unwahrscheinlich harten, unnachgiebigen Mann. Diesen Mann, der so gar nicht schüchtern und kein bisschen vertrauenswürdig war.

 

Und da erst fiel mir auf, dass ich noch immer nicht wusste, welche Farbe seine Augen hatten.

 

Ich erinnerte mich noch genau an ihren Blick: so fordernd, eindringend, stur. Aber waren sie braun gewesen? Oder blau? Ich konnte es nicht mit Sicherheit sagen.

 

 

 

Obwohl ich es wirklich nicht wollte, dachte ich den Tag über mindestens 100 Mal an Mio. Während ich mir meinen Kaffee machte, erinnerte ich mich an dieses schreckliche Gesöff, das er mir in die Hand gedrückt hatte. Als ich meine tägliche Sport-Übung absolvierte, fiel mir wieder ein, wie ich ins Schwitzen geraten war, als er auf mich zugekommen war. Beim Anziehen sah ich wieder seinen anzüglichen Blick, mit dem er mein rotes Kleid betrachtet hatte.

 

Er hatte mich Schneewittchen genannt. Schneewittchen. Noch immer hörte ich seine Stimme ganz deutlich in meinen Ohren. Dieses düstere, tiefe Raunen.

 

Eigentlich hatte ich wirklich Wichtigeres zu tun. Morgen stand zum Beispiel die größte Entscheidung der vergangenen zweieinhalb Jahre an. Denn morgen würde ich endlich erfahren, ob meine Mühe sich gelohnt hatte. Meine monatelange, harte Arbeit. Denn mit etwas Glück würde ich eine der heiß begehrten Anstellungen an der Uni bekommen würde. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin.

 

Das klang nicht nur toll, das war es auch. Denn es bedeutete: 400 Dollar im Monat, persönlichen Kontakt zu den besten Professoren, einen riesigen Schritt in Richtung steile Karriere.

 

Und das Geld konnte ich wirklich gut gebrauchen. In den Semesterferien jobbte ich mal als Kellnerin, mal als Aushilfskraft im Supermarkt oder als Verkäuferin. Mit diesem Geld kaufte ich mir neue Bücher, mal einen neuen Laptop, mal ein paar Klamotten. Aber im Semester konnte ich mir solche Dinge nicht leisten.

 

Ich war zu Bescheidenheit erzogen worden. Und es fiel mir nicht gerade schwer, das auch zu sein. Denn wir hatten nicht viel – und schon gar nichts, um vor anderen zu protzen. Im Gegensatz zu den meisten meiner Kommilitonen lebte ich auch immer noch bei meinen Eltern. In meinem alten Kinderzimmer unter dem Dach mit der rosafarbenen Tapete und der Tagesdecke mit Blümchenmuster.

 

Meine Familie wohnte in einem kleinen, zweistöckigen Einfamilienhaus in Scottsdale. Hier lebten vor allem weiße Familien aus der unteren Mittelschicht. In Scottsdale waren die Rasen stets ordentlich gemäht und die Mittelklassewagen in den Einfahrten auf Hochglanz poliert. Meine Mutter war im örtlichen Gesangsverein und Vorsitzende der Garagenflohmarkt-Kommission. Jeder hier kannte sie, jeder mochte sie.

 

Mein Dad war als lang gedienter Polizist sowieso allseits respektiert. Und auch Ian und ich waren nie durch irgendwelche Schandtaten aufgefallen – zumindest waren diese nie bekannt geworden.

 

Wir Sawnsons hatten es an uns, erst spät von Zuhause auszuziehen. Mein Bruder hatte sich mal ein paar Wohnung angesehen, aber anscheinend war ihm sein Kinderzimmer lieber. Abends sah sich mit meinem Vater Football an, debattierte über unsere verrohte Gesellschaft oder sprach über unser wunderbares, strahlendes Rechtssystem.

 

Schon als Ian und ich noch kleine Kinder gewesen waren, hatten sich unsere Tischgespräche immer nur darum gedreht: um die heldenhafte Arbeit der Polizei, um die Wichtigkeit moralischer Werte, um die Verteidigung der öffentlichen Ordnung.

 

Wahrscheinlich hatten mein Bruder und ich nie eine andere Wahl gehabt, als unserem Vater nachzueifern. Ian als Polizist. Ich als angehende Juristin.

 

 

 

 

 

 

 

Als ich dann abends allein Bett lag, fragte ich mich, warum Mio mir einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte. Die Antwort darauf war ziemlich einleuchtend. Es war einfach so: Er war verboten. Hätten mein Vater oder mein Bruder gewusst, dass ich auch nur mit ihm geredet hatte, hätten sie mich wohl für den Rest meines Lebens eingesperrt.

 

Doch selbst wenn meine Familie nicht grundanständige Leute gewesen wären und noch dazu zur Hälfte aus Polizisten bestanden hätte, wäre der Besitzer eines Strip-Clubs eine absolut unpassende Begleitung für eine junge Frau. Für ein naives Girlie, wie Mio das genannt hatte.

 

Ich schämte mich nicht dafür, dass ich bisher ein weitestgehend tadelloses Leben geführt hatte. Jedenfalls war ich nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Ich schätzte, bei Mio sah das ganz anders aus.

 

Ich drehte mich auf den Rücken und schaute stur zur Decke hinauf.

 

Trotzdem sollte ich ihn vergessen, sagte ich mir. Doch es bereitete mir eine sündige Freude an ihn zu denken.

 

Morgen, beschloss ich. Morgen würde ich damit anfangen, ihn aus meinen Gedanken zu verbannen …

 

 

 

7

 

 

 

 

 

 

 

»So.« Professor Bernstein tippte auf dem Deckblatt meiner Hausarbeit herum. Dabei nickte er vor sich hin, murmelte manchmal ein paar unverständliche Worte, seufzte.

 

Ich hingegen saß auf dem harten Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtischs. Eigentlich war ich mit ziemlich guter Laune in Professor Bernsteins Büro gekommen. Immerhin hielt ich meine Hausarbeit für mindestens gut. Da steckten drei Monate Arbeit drin. Ich hatte jede Quelle hundertmal überprüft, jeden Rechtschreibfehler ausgemerzt, alle Vorgaben eingehalten. Was das Fachliche anging, war Professor Bernstein schon von der Rohversion absolut begeistert gewesen.

 

Warum machte er dann jetzt so ein Gesicht?

 

Nervös verknotete ich die Hände ineinander. Am liebsten hätte ich gefragt, ob etwas nicht stimmte. Aber ich wollte nicht aufdringlich sein.

 

Endlich stützte Professor Bernstein sich auf die Ellbogen, faltete die Hände ineinander und schaute mich an.

 

»Miss Swanson«, begann er mit richtiggehend trauriger Stimme, »ich bin mir dessen bewusst, dass Sie sehr ehrgeizig sind. Diese Arbeit, die Sie abgeliefert haben, ist … sehr gut. Um ehrlich zu sein, sie ist ausgezeichnet.« Darüber wirkte er aber nicht gerade erfreut. »Jedoch«, fügte er bekümmert hinzu, »geht es hier um mehr als nur diese Arbeit. Sie, ähm, wissen ja, wie wichtig Zuschüsse für unsere Forschungstätigkeit sind. Und wir sind auch darauf angewiesen, dass wir eine vorteilhafte Außendarstellung haben. Das ist heutzutage einfach so. Ich beurteile das nicht. Ich will nicht, dass irgendjemand auf die Idee kommen könnte, ich schlage mich hier auf die eine oder andere Seite.« Vorsichtig lugte er mich an.

 

Ich hatte wirklich überhaupt keine Ahnung, was er mir damit sagen wollte. »Also bekomme ich keine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin«, schloss ich aus seinen Worten. Diese Hausarbeit war nichts anderes als eine 114 Seiten lange Bewerbung dafür gewesen. Meine Kehle wurde trocken.

 

»Ich persönlich hätte damit keine Schwierigkeiten«, widersprach er sofort und wälzte sich auf seinem Stuhl herum. »Aber so etwas liegt ja nicht allein bei mir.«

 

»Sie sind der Leiter dieses Instituts.«

 

Er fuchtelte in der Luft herum. »Der Erfolg dieser Universität ist ein Erfolg, der uns alle angeht. Wir alle arbeiten daran mit. Auch unsere Studenten. Viele … Studenten engagieren sich.«

 

»Ich bin auch im Studienbeirat«, erwiderte ich. Immer mehr hatte ich das Gefühl, dass er ein ziemlich mieses Spiel mit mir spielte.

 

Professor Bernstein hob die Mundwinkel, aber es war kein echtes Lächeln. Der ältere, untersetzte Herr richtete sein Tweet-Jackett und räusperte sich. »Sie müssen verstehen, andere bringen sich noch mehr ein als Sie das tun. Und damit meine ich nicht nur die Studenten selbst. Sondern auch deren Eltern.« Er nickte langsam.

 

Aha. Darum ging es also. »Sie meinen, ich bekomme diese Stelle nicht, weil meine Eltern keine vierstelligen Spenden an diese Universität leisten.«

 

»Nur weil ein Student aus wohlhabenden Verhältnissen kommt, würde ich ihm nie unterstellen, er wäre nicht genauso fleißig wie jeder andere«, erwiderte der Professor unschuldig.

 

»Ja. Und dann geben sie ihm diese Stelle statt mir. Natürlich zum Wohle der Universität.«

 

Plötzlich tauchte ein gereiztes Funkeln in Professor Bernsteins Augen auf. »Eine Hand wäscht die andere. Muss ich Ihnen das wirklich erklären?«

 

»Ich habe jedes einzelne Wort verstanden. Danke«, knurrte ich und sprang auf. »Sie hatten Ihre Entscheidung doch sowieso schon getroffen. Warum haben Sie mich überhaupt herbestellt? Damit Sie mir ins Gesicht sagen können, was für ein nobler, anständiger Mensch Sie sind?« Ich drehte mich rasch um und stürmte hinaus, bevor ich noch etwas sagen würde, das ich bereute.

 

Zu dumm nur, dass genau dieser Professor mir noch in vier Veranstaltungen gegenüberstehen würde. Und mich benoten würde.

 

»Hanna?«, rief Sheila mir quer über den Innenhof zu. Sie hatte auf mich gewartet und natürlich gedacht, ich würde mit guten Nachrichten zurückkommen.

 

Doch so war es nicht und ich wollte nicht darüber reden. Also eilte ich schnurstracks zur Tür auf der anderen Seite.

 

»Hey Süße!«, schrie sie und tippelte auf ihren Pfennigabsätzen hinter mir her. »Jetzt warte doch! Was hat Bernstein gesagt?!«

 

»Nein!«, prustete ich, wirbelte herum und schaute sie so wütend an, dass Sheila augenblicklich langsamer wurde. Nur zögernd kam sie näher.

 

»Nein?«, wiederholte sie verblüfft.

 

Seufzend wich ich ihrem Blick aus. »Er hat Nein gesagt, ok?« Nun da ich es aussprach, tat es noch mehr weh. All die Mühe umsonst. Dabei hatte ich nicht einmal einen Fehler gemacht.

 

»Wie kann das sein?«, stammelte Sheila.

 

»Er will mich nicht im Institut. Weil meine Eltern leider keine reichen Leute sind und nicht genug spenden«, erklärte ich.

 

Sheilas Miene versteinerte. »Das kann er doch nicht machen!«

 

»Offenbar schon«, murmelte ich und schob die Hände in die Hosentaschen meiner Jeans.

 

»Pah!«, keuchte sie. »Das ist total ungerecht! Du solltest dich wehren!«

 

»Was soll ich tun? Mich beschwere?«

 

»Na ja, du könntest ihm ja zumindest damit drohen.«

 

»Er wird sich nur rausreden. Ich habe keine Beweise«, grummelte ich.

 

»Es geht hier um Gerechtigkeit, Hanna.«

 

Wortlos schaute ich an ihr vorbei. Vielleicht sollte ich wirklich …

 

»Gehen wir was essen«, schlug Sheila vor, um mich abzulenken. Dann hakte sie sich bei mir unter. »Du weißt ja, ich habe noch Gesprächsbedarf.«

 

Ich vermutete stark, es ging um irgendeinen jungen Mann. Wahrscheinlich sogar einen, den ich kannte. Sheila hatte eigentlich immer irgendeinen Freund. Zumindest im Geheimen.

 

Ich fragte mich, ob sie vielleicht sogar noch ein Date hatte.

 

Sheila war immer sehr stark zurechtgemacht – auch wenn wir nur auf dem Campus unterwegs waren wie heute. Heute trug sie ein brombeerfarbenes, knielanges Etuikleid mit bronzefarbenen Verzierungen. Dazu silberne Pomps und einen ihrer geliebten Swing-Mäntel, diesmal in Sand-beige.

 

Ich hingegen hatte mir einen weiß-blau geringelten Pullover mit blauem Blouson übergezogen. Mit den Jeans und den braunen Lederhalbschuhen sah das leger, aber nicht lotterig aus.

 

Auf dem Jura-Campus waren die Studenten überdurchschnittlich gut gekleidet. Viele stammten aus wohlhabenden Familien. Da musste man schon einiges vorlegen, um nicht sofort abgestempelt zu werden. Ich mit meinem Pferdeschwanz und dem dezenten Make-up war da schon haarscharf an der Grenze.

 

Wir hatten gerade das Foyer verlassen, als ich spürte, dass heute etwas nicht stimmte.

 

Etwas war anders.

 

Direkt neben dem Haupteingang standen ein paar Studenten zusammen. Einige rauchten, andere tauschten Bücher aus. Doch die allermeisten redeten sehr angeregt, aber leise miteinander. Sie tuschelten. Irgendetwas ging hier vor sich.

 

Spätestens als dann auch noch Sheila japste und plötzlich stehenblieb, wurde mir unbehaglich.

 

Langsam hob ich den Blick und ließ ihn langsam über den weiten, gepflasterten Vorplatz schweifen, an den Bäumen und Bänken vorbei, bis zur breiten Straße davor.

 

Dort, direkt gegenüber dem Eingang, hielt ein Wagen am Straßenrand.

 

Ein stahlgrauer Lamborghini mit schwarz getönten Scheiben.

 

Und vor diesem, gegen die Karosserie gelehnt, stand Mio und rauchte.

 

Natürlich war er nicht zufällig hier. Er war auch nicht hier, weil er sich für den Jura-Campus interessierte. Nein, er war hier wegen … mir.